11. August 2026 · Rubrik: Pestizide

Wissenschaftlicher Beirat fordert konsequente Umsetzung des Integrierten Pflanzenschutzes

Der Wissenschaftliche Beirat des Nationalen Aktionsplans zur nachhaltigen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln (NAP) fordert eine stringente Umsetzung des Integrierten Pflanzenschutzes (IPS) in Deutschland

In seiner aktuellen Stellungnahme Integrierter Pflanzenschutz: Kluft zwischen Anspruch und Realität kommt das Gremium zu dem Schluss, dass der seit 2012 gesetzlich vorgeschriebene Integrierte Pflanzenschutz (IPS) bislang nicht die erhoffte Entlastung für Natur, Umwelt und Biodiversität bewirkt hat. Es sei ein Umdenken in der Politik erforderlich, um eine deutliche Reduzierung der Risiken durch Pflanzenschutzmittel zu erreichen und gleichzeitig Ernteausfälle zu minimieren. Ohne ein rasches Umsteuern seien zudem zentrale Umwelt- und Biodiversitätsziele bis 2030 nicht mehr erreichbar, so die Wissenschaftler*innen. Sowohl die Europäische Union als auch das globale Biodiversitätsabkommen von Kunming-Montreal sehen eine Halbierung der Risiken durch Pflanzenschutzmittel bis 2030 vor.

Der IPS setzt auf Vorbeugung, biologische und kulturtechnische Maßnahmen – chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel sollen nur „als letztes Mittel“ eingesetzt werden, wenn alle anderen Maßnahmen, von Sortenwahl, Fruchtfolge, Nützlinge bis Biopestizide, ausgeschöpft sind. Außerdem muss nach Maßgaben des Schadschwellenprinzips gehandelt werden. Nach Einschätzung des Expertengremiums werden diese Prinzipien in der landwirtschaftlichen Praxis bislang häufig nicht ausreichend umgesetzt.

In der gestrigen Pressemitteilung betont Carsten Brühl, federführender Autor der Stellungnahme und Professor an der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau (RPTU), dass trotz der gesetzlichen Verankerung des Integrierten Pflanzenschutzes vor mehr als einem Jahrzehnt weder eine deutliche Verringerung der eingesetzten Wirkstoffmengen an Pflanzenschutzmitteln noch eine umfassende Reduktion der Risiken für Umwelt und Biodiversität festzustellen sei.

Die Verkaufs- und Anwendungsdaten deuteten weiterhin auf ein hohes Pestizid-Einsatzniveau hin; zugleich zeigten Studien teils steigende toxische Belastungen für einzelne Organismengruppen, darunter Fische, Bodenlebewesen und Pflanzen.

Als Gründe nennt der Beirat unter anderem mangelnde Förderung nicht-chemischer Verfahren, unzureichende Beratung, wirtschaftliche Zwänge und fehlende Anreize für resilientere Anbausysteme. Gefordert wird daher ein Paket aus ordnungsrechtlichen und förderpolitischen Maßnahmen, das die IPS-Umsetzung flächendeckend stärkt – etwa durch vielfältigere Fruchtfolgen, resistentere Sorten, den Ausbau biologischer Verfahren sowie den gezielten Einsatz neuer Technologien wie Robotik, Drohnen und Präzisionslandwirtschaft.

Besonders wichtig sei jedoch der Ausbau von Anbausystemen, die ohne chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel auskommen – wie in der ökologischen Landwirtschaft oder durch Verzicht in einzelnen Kulturen. Um dafür die nötigen Umstellungen zu ermöglichen, müssten Betriebe wirtschaftlich und technisch stärker unterstützt werden. Der politische Fokus müsse auf eine konsequente IPS-Umsetzung mit drastischer Reduktion von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln liegen bei gleichzeitiger beratender und finanzieller Unterstützung der Landwirt*innen.

PAN Germany begrüßt die Stellungnahme des NAP-Beirats ausdrücklich, ist sie doch ein weiterer dringender Appell an Bundeslandwirtschaftsminister Rainer, endlich den Integrierten Pflanzenschutz und die Förderung des ökologischen Anbaus mit entsprechenden Beratungsangeboten, Anreizen und Innovationen zur Pestizidreduktion in Deutschland auszubauen und damit resilienten Anbausystemen sowie den Schutz unserer Umweltressourcen, Biodiversität und Gesundheit oberste Priorität einzuräumen.

Stellungnahme des Wissenschaftlichen Beirats zum Nationalen Aktionsplan Pflanzenschutz, BMLEH:  Integrierter Pflanzenschutz: Kluft zwischen Anspruch und Realität

Der Wissenschaftliche Beirat NAP berät das Bundesministerium für Landwirtschaft; Ernährung und Heimat (BMLEH) durch Gutachten und Stellungnahmen zur Umsetzung und Weiterentwicklung des Nationalen Aktionsplans zur nachhaltigen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln. Das unabhängige Gremium arbeitet auf ehrenamtlicher Basis. Die Geschäftsführung liegt bei der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE).

Bildrechte © PAN Germany