22. Juni 2026 · Rubrik: Pestizide

Wissenschaft schlägt Alarm wegen EU-Pestizid-Omnibus

Hamburg, 22. Juni 2026. Pressemitteilung. Eine neue wissenschaftliche Analyse, die in der Fachzeitschrift Science [1] veröffentlicht wurde, verschärft die Bedenken hinsichtlich des Omnibus-Vorschlags der Europäischen Kommission zur Lebensmittel- und Futtermittelsicherheit – nur wenige Tage vor der entscheidenden Abstimmung der Mitgliedstaaten am 26. Juni.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 27 europäischen Forschungseinrichtungen warnen in Science, dass der Omnibus-Vorschlag die Risiken für die menschliche Gesundheit und die Umwelt erhöhen, die Anreize für sicherere Alternativen zur Schädlingsbekämpfung verringern und das Vertrauen in regulatorische Entscheidungsprozesse untergraben würde.

Statt des Omnibus-Vorschlags nennen die Forschenden andere, zielführende und dringend notwendige Maßnahmen, darunter eine bessere Überwachung des Pestizideinsatzes, der Rückstände und der Auswirkungen, mehr Transparenz bei regulatorischen Studien, eine stärkere Einbindung unabhängiger Wissenschaft in die regulatorische Bewertung und den Zugang zu Pestizid-Anwendungsdaten.

Die Expertinnen und Experten betonen zudem, dass zusätzliche Ressourcen für die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) zur Verringerung des Rückstaus bei Zulassungsverfahren eine vergleichsweise geringe Investition erfordern würden. Diese sei eine bescheidene Investition im Vergleich zu den Hunderten Millionen Euro, die die Chemieindustrie für die Markteinführung eines einzelnen Wirkstoffs ausgäbe oder im Vergleich zu den Gesundheits- und Umweltkosten, die durch Stoffe entstünden, die unerkannte und inakzeptable Schäden verursachten.

Die in Science publizierte Analyse bekräftigt frühere wissenschaftliche Kritik, unter anderem von der Akademie der Wissenschaften Leopoldina, wonach der Omnibus-Vorschlag die Schutzmechanismen des EU-Pestizidrechts schwächen würde, ohne die versprochene Vereinfachung zu liefern.[2] Anstatt diese Bedenken aufzugreifen, wurden die Verhandlungen im Rat beschleunigt und haben sich in zentralen Punkten in die entgegengesetzte Richtung entwickelt.

Susan Haffmans, Referentin bei PAN Germany erklärt: „Die europäischen und deutschen Institutionen sollten ihre Energie darauf verwenden, in eine nachhaltige Landwirtschaft zu investieren und Gesundheit, Wasser und Umwelt zu schützen – nicht darauf, die Schutz-Regeln zu schwächen. Die Gremien, die über den Omnibus-Vorschlag entscheiden, stehen in der Verantwortung, kommende Generationen vor noch mehr krankmachender chemischer Belastung zu schützen. Von den Mitgliedsstaaten erwarten wir, den Vorschlag entsprechen zu verbessern.“

Letzter Entwurf des Rates

Am 12. Juni gelang es der zyprischen Ratspräsidentschaft nicht, die Unterstützung der Mitgliedstaaten für ihren Kompromisstext zu gewinnen. Der Entwurf sah vor, unbefristete Genehmigungen auf Pestizide mit geringem Risiko zu beschränken, aber gleichzeitig die Erneuerungszeiträume für konventionelle Wirkstoffe auf bis zu 25 Jahre auszuweiten. Die Definition von biologischen Pestiziden wurde derart aufgeweicht, dass bestimmte schädliche synthetische Pestizide – etwa Pyrethroide – als “Biopestizide” eingestuft werden könnten. Auch Schwermetalle und deren Salze, beispielsweise Kupferverbindungen, würden Erleichterungen erfahren.

Der zyprische Entwurf behielt zudem die umstrittenen Pläne der Kommission bei, Ausnahmeregelungen auszuweiten, Übergangsfristen zu verlängern und die Möglichkeiten der Mitgliedstaaten einzuschränken, sich bei Zulassungsentscheidungen auf die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zu stützen.

Die Botschaft der Wissenschaft könnte nicht deutlicher sein: Der Omnibus-Vorschlag bewegt die EU in die falsche Richtung“, sagt Angeliki Lysimachou, Leiterin für Wissenschaft und Politik bei PAN Europe. „Die Mitgliedstaaten müssen auf die Wissenschaft hören und jede Aufweichung der hohen Schutzstandards ablehnen, die im EU-Pestizidrecht verankert sind, wenn sie am 26. Juni über den Omnibus-Vorschlag abstimmen.

Das größere Bild

Die Debatte spiegelt ein umfassenderes Versagen der EU-Institutionen wider, auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse und rechtlichen Notwendigkeit zu reagieren, und die Gesundheit der Menschen und die Umwelt vor schädlichen Pestiziden in entsprechender Form zu schützen. Sechs Monate nach dem wegweisenden Urteil des Europäischen Gerichtshofs zu dem Pyrethroid Cypermethrin [3] hat die Kommission keinerlei Folgemaßnahmen ergriffen. Gleichzeitig wird weiterhin über die Zulassung mehrerer gefährlicher Wirkstoffe diskutiert, obwohl Belege dafür vorliegen, dass sie verboten werden sollten.

Während das seit Langem verzögerte Leitdokument zum Bienenschutz (Bee Guidance Document) weiterhin blockiert wird und Risikobewertungen für Bestäuber noch immer auf veralteten Methoden basieren, setzt sich der Rückgang der biologischen Vielfalt in Europa fort.

Auch die Sorgen über chemische Verschmutzung nehmen zu. In der vergangenen Woche wurde Trifluoressigsäure (TFA), ein Abbauprodukt von 28 in der EU genehmigten PFAS-Pestiziden, als reproduktionstoxisch eingestuft. Das sehr langlebige und mobile TFA wird inzwischen europaweit in Trinkwasser und landwirtschaftlichen Kulturen nachgewiesen. Dennoch hat die EU bislang keinen umfassenden Ausstieg aus PFAS-Pestiziden vorgeschlagen, die zu dieser Belastung beitragen. Kommt der Omnibus-Vorschlag ohne Verbesserungen durch, erlauben die Mitgliedstaaten für einige PFAS-Pestizide unbefristete Genehmigungen – und damit eine ewige Belastung, warnen die Umweltschützer.

[1] Link zum Science-Artikel: https://www.science.org/doi/10.1126/science.aeg8744

[2] Leopoldina Fokus Nr. 6/ Juni 2026: Geplante Änderung der Zulassung von Pflanzenschutzwirkstoffen: Vorschläge der EU-Kommission verringern das Schutzniveau für Mensch und Umwelt;
EU Omnibus: Leading scientists from many disciplines call for better -not weaker- protection against pesticides;
Scientific assessment slams food and feed safety omnibus proposal | PAN Europe ;
Periodic Reassessment or Permanent Approval? A Critical Analysis of the EU Commission’s Proposal to Reform Pesticide and Biocide Authorisation in Europe |ChemRxiv;
Planned amendment to the authorisation of plant protection substances: Proposals of the EU Commission reduce the level of protection for humans and the environment – Leopoldina;
The Lawfulness of the Planned Amendments through the „Food and Feed Safety Omnibus“;
Omnibus X : Lettre ouverte au Président de la République Française | Framaforms.org

[3] EU highest Court declares toxic insecticide cypermethrin illegally re-approved by the European Commission

Pressekontakt:

Susan Haffmans, PAN Germany, susan.haffmans@pan-germany.org, + 49 40 399 19 10-25