EU erkennt Gesundheitsrisiken von TFA an und senkt Grenzwert für die Ewigkeitschemikalie

Nach Bestätigung der besonderen gesundheitsschädlichen Wirkung der Ewigkeitschemikalie TFA senkt die EU den duldbaren Tagesgrenzwert für die Aufnahme von TFA über Nahrung und Trinkwasser deutlich.

Hamburg, 23. Juli 2026. Pressemitteilung. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat gestern die duldbare Aufnahmemenge für Trifluoressigsäure (TFA) deutlich nach unten korrigiert [1]. Zum Schutz der Gesundheit der Bevölkerung senkt die Behörde die noch als akzeptabel angesehene tägliche Aufnahmedosis, den „ADI-Wert“ von TFA um 72 Prozent im Vergleich zum bisherigen Wert.

PAN begrüßt die längst überfällige Neubewertung und die Herabsetzung des ADI-Wertes für TFA. Doch das allein reicht nicht aus, den Schutz der Bevölkerung zu gewährleisten [2]. „TFA ist hochmobil, extrem langlebig und fortpflanzungsschädlich. Das macht den Stoff zu einer tickenden Zeitbombe insbesondere für die Gesundheit zukünftiger Generationen. Um wirksam gegenzusteuern, ist politisches Handeln erforderlich, das ein Verbot von PFAS-Pestiziden und weiterer TFA-Quellen voranbringt“, erklärt Pestizidreferentin Susanne Smolka von PAN Germany. „Nur so lassen sich die stetig steigenden Konzentrationen von TFA in der Umwelt, unserer Nahrung und im Trinkwasser stoppen.“

TFA ist ein weit verbreitetes Abbauprodukt von PFAS-Pestiziden und anderen PFAS-Chemikalien. Die Ewigkeitschemikalie belastet zunehmend Trinkwasser, Grundwasser und pflanzliche Lebensmittel. Wie stark die Belastung seit Jahren ansteigt, zeigen u.a. Untersuchungen europäischer Weine. Nach Einschätzung der EFSA ist TFA deutlich gesundheitsschädlicher als bisher angenommen. Zu den beschriebenen möglichen Schädigungen zählt die Behörde Beeinträchtigungen der Schilddrüsenfunktion, Lebertoxizität, Fehlbildungen des Skeletts und der Augen sowie eine verringerte Spermienqualität.

TFA: Ein langlebiger und weit verbreiteter PFAS-Schadstoff

TFA ist selbst ein PFAS und entsteht unter anderem beim Abbau von PFAS-Pestiziden, F-Gasen und anderen PFAS-Chemikalien. Die Belastung von Mensch und Umwelt hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. TFA wurde inzwischen in zahlreichen Umwelt- und Lebensmittelproben nachgewiesen, unter anderem in Trinkwasser, Grundwasser, Getreide, pflanzlichen Lebensmitteln und Wein [3].

Aufgrund seiner zunehmenden Verbreitung und seiner extremen Langlebigkeit haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler TFA bereits als Bedrohung einer planetaren Belastungsgrenze eingestuft.[4]

Die aktuelle Bewertung der EFSA und die Herabsenkung des ADI für TFA folgt auf die jüngste Entscheidung des Ausschusses für Risikobeurteilung (RAC) der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA), TFA als „reproduktionstoxisch“ der Kategorie 1B einzustufen mit dem Gefahrenhinweis: „Kann das Kind im Mutterleib schädigen. Kann vermutlich die Fruchtbarkeit beeinträchtigen“.[5]

EFSA identifiziert erhebliche gesundheitliche Risiken

In ihrer wissenschaftlichen Bewertung benennt die EFSA mehrere schwerwiegende Gesundheitsauswirkungen, die mit einer Belastung durch TFA in Verbindung gebracht werden. Dazu gehören:

  • Beeinträchtigungen der Schilddrüsenfunktion, die unter anderem die gesunde Entwicklung des ungeborenen Kindes und die Hirnentwicklung beeinflussen können,
  • Lebertoxizität,
  • Fehlbildungen des Skeletts und der Augen,
  • eine verringerte Spermienqualität.

Die EFSA schlägt nun eine akzeptable tägliche Aufnahme (ADI) von 0,014 Milligramm TFA pro Kilogramm Körpergewicht und Tag vor. Damit wird der im Jahr 2025 von der EFSA vorgeschlagene Wert von 0,03 mg/kg um 50 Prozent gesenkt, gegenüber den gültigen, 2017 festgelegten ADI-Wert von 0,05 mg/kg beträgt die Absenkung sogar 72 Prozent. Die zulässige tägliche Aufnahmemenge (Acceptable Daily Intake – ADI) ist die geschätzte Menge eines Stoffs in Lebensmitteln oder Trinkwasser, die täglich im Laufe eines Lebens konsumiert werden kann, ohne dass sie ein merkliches Risiko für die Gesundheit birgt.

PFAS-Pestizide müssen verboten werden

Für PAN Germany sind die Schlussfolgerungen der EFSA ein weiterer Beleg dafür, dass PFAS-Pestizide nicht länger zugelassen und angewendet werden dürfen. Die deutsche Bundesregierung und die Europäische Union müssen unverzüglich handeln und die Verwendung von PFAS-Pestiziden beenden. Angesichts der extremen Persistenz von TFA und seiner zunehmenden Verbreitung in Umwelt, Trinkwasserressourcen und Lebensmitteln ist es nicht länger vertretbar, auf weitere wissenschaftliche Erkenntnisse zu warten.

Quellen:

[1] EFSA, wissenschaftliche Stellungnahme zu gesundheitsbasierten Richtwerten für Trifluoressigsäure (TFA), 22. Juli 2026.

[2] PAN Europe Pressemitteilung, 22.07.2026: EFSA’s new health-based values for TFA urge the ban of PFAS pesticides.

[3] siehe Veröffentlichungen von PAN Europe und Netzwerkpartnerorganisationen zu Nachweisen  von TFA in Gewässern, Trinkwasser, Grundwasser, Getreide, pflanzlichen Lebensmitteln und Wein.

[4] Arp HP et al. 2024. The Global Threat from the Irreversible Accumulation of Trifluoroacetic Acid (TFA). Environmental Science & Technology Vol 58/Issue 45(link is external)

[5] PAN Germany Pressemitteilung, 10.06.2026: EU-Behörden bestätigen Fortpflanzungsgefahr von TFA

Pressekontakt:

Susanne Smolka, Referentin für Pestizide / Biozide, Email: susanne.smolka@pan-germany.org, Tel: +49 40 3991910-24, mobil: +49 179 6822 644




Europäische Erdbeeren mit PFAS- und hormonschädigenden Pestiziden belastet

Hamburg, Brüssel, 07.07.2026. Pressemitteilung. Eine neue Untersuchung von PAN Europe, PAN Germany und weiteren Partnerorganisationen zeigt, dass in der EU erzeugte Erdbeeren erheblich mit hochgiftigen Pestizid-Cocktails belastet sind.

Insgesamt wurden in 78 % der untersuchten konventionell angebauten Erdbeerproben ein Pestizid und bei 61% zwei oder mehr Pestizidrückstände gefunden. In 58 % der untersuchten Proben wurden PFAS-Pestizide nachgewiesen. Die am häufigsten identifizierten Wirkstoffe sind die Fungizide Fludioxonil (ein PFAS) sowie Cyprodinil – zwei hormonschädigende Pestizide (Endokrine Disruptoren), die nach EU-Recht bereits hätten verboten werden müssen.

Darüber hinaus gehören 56 % der nachgewiesenen Pestizide zur Gruppe der „besonders gefährlichen Pestizide“, die seit 2011 schrittweise hätten aus dem Verkehr gezogen werden sollen. Diese Ergebnisse bestätigen nach Sicht der beteiligten Umweltschutzorganisationen, dass eine konsequentere Umsetzung der bestehenden Pestizidgesetzgebung erforderlich ist. Doch statt entsprechend zu handeln, streben die EU-Kommission und viele der Mitgliedstaaten im Rahmen des „EU-Vereinfachungsomnibus der Lebensmittel- und Futtermittelsicherheit“ eine massive Aufweichung der Vorschriften an.

Erdbeeren zählen zu den beliebtesten Früchten in der EU und werden insbesondere von Kindern in größeren Mengen verzehrt. Die Nachfrage nach Erdbeeren ist groß, ihr Anbau intensiv. PAN Europe und seine Partnerorganisationen untersuchten 41 Erdbeerproben aus elf EU-Mitgliedstaaten auf Pestizidrückstände. Davon stammten 36 Proben aus konventionellem Anbau, vier aus ökologischem Anbau und eine war als “pestizidfrei” gekennzeichnet.

Die in Deutschland konventionell angebauten Erdbeeren liegen mit 3 bis 5 verschiedenen Pestizidrückständen im europäischen Mittelfeld. Während niederländische und französische Proben im Mittel besser abschneiden, konnten in einer ungarischen Probe acht und in belgischen Proben sogar bis zu neun verschiedene Pestizidrückstände nachgewiesen werden. Die Erdbeeren aus ökologischem Anbau waren dagegen frei von messbaren Rückständen. „Die Öffentlichkeit muss darüber informiert werden, dass solche Pestizid-Cocktails von den Untersuchungsbehörden nicht als Ganzes bewertet werden und dass besonders Schwangere und Kinder vor hormonschädigenden Pestiziden besser geschützt werden müssen“, betont Susanne Smolka, Biologin bei PAN Germany.

„Besonders besorgniserregend ist, dass die identifizierten Pestizide zu den giftigsten Wirkstoffen gehören, die in der EU verkauft werden: Verbraucherinnen und Verbraucher sind über Lebensmittel Pestizid-Cocktails aus PFAS, hormonschädlichen oder neurotoxischen Pestiziden ausgesetzt“, sagt Dr. Martin Dermine, Geschäftsführer von PAN Europe. „Unsere Regulierungsbehörden kommen ihrer Aufgabe, die Bevölkerung – insbesondere unsere Kinder – zu schützen, nicht nach.“

Die hormonell schädigenden Pestizide Fludioxonil und Cyprodinil wurden von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) in den Jahren 2024 beziehungsweise 2025 als endokrine Disruptoren für die menschliche Gesundheit und die Umwelt eingestuft. Dies hätte nach geltendem EU-Recht automatisch zu einem EU-weiten Verbot führen müssen. Doch nach wie vor werden diese Verbote nicht umgesetzt. Viele PFAS-Pestizide wie das nachgewiesene Flonicamid, zerfallen in Trifluoressigsäure (TFA), dass jüngst als fortpflanzungsschädlich (reproduktionstoxisch 1B) eingestuft wurde. Dies sollte den schrittweisen Ausstieg aus PFAS-Pestiziden nach sich ziehen.

Die an der EU-weiten Untersuchung beteiligten Umweltschutzorganisationen fordern von der Europäischen Kommission, dem Europäische Parlament und den EU-Mitgliedsstaaten eine bessere Umsetzung der bestehenden Vorschriften, statt den Interessen der Pestizidindustrie zu folgen und die Vorschriften weiter abzuschwächen. „Angesichts der Rückstands-Ergebnisse ist der aktuelle Vorschlag eines Vereinfachungspakets für die Lebensmittel- und Futtermittelsicherheit (der “Omnibus X”) und die im Parlament und im Rat diskutierten Änderungsanträge ein Skandal. Trotz breiter Kritik aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft werden gerade wichtige Schutzstandards für die Bevölkerung abgebaut– insbesondere für besonders schutzbedürftige Gruppen wie Kinder und Schwangere“, kritisiert PAN-Expertin Smolka.

PAN Europe Report: European strawberries extensively contaminated with PFAS or endocrine disrupting pesticide residues

PAN Europe Webbeitrag: European strawberries extensively contaminated with PFAS or endocrine disrupting pesticide residues

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Susanne Smolka, PAN Germany, susanne.smolka@pan-germany.org | +49 179 6822 644

 




Das stille Leid der Kinder: UNICEF Bericht zur Pestizidbelastung von Kindern

Hamburg, 23.06.2026. Pressemitteilung.
Seit 1990 hat sich der globale Pestizideinsatz mehr als verdoppelt. Weltweit wachsen Kinder in einer Umgebung auf, die zunehmend von Pestiziden geprägt ist. In Böden, Gewässern, Luft und Nahrung – Pestizide sind allgegenwärtig. Kinder sind den Pestiziden bereits ausgesetzt, bevor sie auf die Welt kommen. Der heute veröffentlichte UNICEF Report „Underestimated and Overlooked: The Silent Impact of Pesticides on Children“ (Unterschätzt und übersehen: Die stillen Auswirkungen von Pestiziden auf Kinder) wirft Licht auf diese Belastungskrise, die trotz ihrer weitreichenden Folgen bislang weitgehend unbeachtet blieb.

Der UNICEF-Report ist sehr deutlich: Um unsere Kinder vor Belastungen durch Pestizide zu schützen, können wir Pestizide nicht weiter so verwenden und regulieren wie bisher. Der Bericht hebt die tiefgreifenden Auswirkungen der Pestizidbelastung auf die Gesundheit, Entwicklung und Rechte von Kindern hervor und macht auf den dringenden Handlungsbedarf aufmerksam. Der Bericht nennt die zentralen Schritte: hochgefährliche Pestizide (HHPs) schrittweise abschaffen, den Einsatz anderer Pestizide minimieren und Kinder vor Exposition schützen. Dafür setzt sich das Pesticide Action Network International weltweit ein und hat seine Expertise bei der Erstellung des Berichtes eingebracht.

„Wir dürfen unsere Kinder nicht länger mit der Pestizid-Belastung alleine lassen und verlorene Leben, Todesfälle, den Verlust von Gesundheit oder die Unmöglichkeit, selbst einmal Eltern zu werden, akzeptieren. Der UNICEF Report sollte ein Weckruf für alle sein, sich für tragfähige nicht-chemische Alternativen zu hochgefährlichen Pestiziden zu engagieren. Gute Gesetzte und freiwilliges Engagement können Motoren des Wandels sein. Auch die Beteiligung in der gerade gegründeten Global Alliance on Highly Hazardous Pesticides (GAHPP) bietet hierfür eine Plattform.“ Sagt Susan Haffmans, Referentin bei PAN Germany.

Forschende und Mediziner kennen die Zusammenhänge zwischen Pestizidbelastung und Atemwegsproblemen, Störungen des Immunsystems und Krebserkrankungen im Kindesalter. Viele Pestizide stören die endokrine Funktion und können dadurch u.a. das Wachstum, die Hirnentwicklung , den Stoffwechsel und die Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigen.

Doch während die gesundheitlichen Folgen wissenschaftlich gut belegt sind, mangelt es weltweit an der Erfassung und Dokumentation von Vergiftungsfällen. Die exklusiv für den Bericht analysierten Pestizidvergiftungsfälle von Kindern verdeutlichen allenfalls die Spitze des Eisbergs der Belastung.

Diese Vernachlässigung zeigt sich besonders deutlich in der Landwirtschaft, wo Kinder einigen der höchsten Risiken ausgesetzt sind. Auf die Landwirtschaft entfallen 61 % aller Kinderarbeit weltweit, und Millionen von Kindern sind dort hochgefährlichen Pestiziden (HHPs) ausgesetzt. Oft üben sie Tätigkeiten aus, die für Minderjährige verboten sind.

Aber nicht nur direkt auf den Feldern und Plantagen sind Kinder betroffen: Schätzungsweise 490 Millionen Kinder und Jugendliche sind Pestiziden ausgesetzt, einfach weil sie in der Nähe von landwirtschaftlichen Gebieten leben, in denen diese Chemikalien eingesetzt werden.

UNICEF Report “Underestimated and Overlooked: The Silent Impact of Pesticides on Children”

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Susan Haffmas, susan.haffmans@pan-germany.org, +49 157 31564017




Wissenschaft schlägt Alarm wegen EU-Pestizid-Omnibus

Hamburg, 22. Juni 2026. Pressemitteilung. Eine neue wissenschaftliche Analyse, die in der Fachzeitschrift Science [1] veröffentlicht wurde, verschärft die Bedenken hinsichtlich des Omnibus-Vorschlags der Europäischen Kommission zur Lebensmittel- und Futtermittelsicherheit – nur wenige Tage vor der entscheidenden Abstimmung der Mitgliedstaaten am 26. Juni.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 27 europäischen Forschungseinrichtungen warnen in Science, dass der Omnibus-Vorschlag die Risiken für die menschliche Gesundheit und die Umwelt erhöhen, die Anreize für sicherere Alternativen zur Schädlingsbekämpfung verringern und das Vertrauen in regulatorische Entscheidungsprozesse untergraben würde.

Statt des Omnibus-Vorschlags nennen die Forschenden andere, zielführende und dringend notwendige Maßnahmen, darunter eine bessere Überwachung des Pestizideinsatzes, der Rückstände und der Auswirkungen, mehr Transparenz bei regulatorischen Studien, eine stärkere Einbindung unabhängiger Wissenschaft in die regulatorische Bewertung und den Zugang zu Pestizid-Anwendungsdaten.

Die Expertinnen und Experten betonen zudem, dass zusätzliche Ressourcen für die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) zur Verringerung des Rückstaus bei Zulassungsverfahren eine vergleichsweise geringe Investition erfordern würden. Diese sei eine bescheidene Investition im Vergleich zu den Hunderten Millionen Euro, die die Chemieindustrie für die Markteinführung eines einzelnen Wirkstoffs ausgäbe oder im Vergleich zu den Gesundheits- und Umweltkosten, die durch Stoffe entstünden, die unerkannte und inakzeptable Schäden verursachten.

Die in Science publizierte Analyse bekräftigt frühere wissenschaftliche Kritik, unter anderem von der Akademie der Wissenschaften Leopoldina, wonach der Omnibus-Vorschlag die Schutzmechanismen des EU-Pestizidrechts schwächen würde, ohne die versprochene Vereinfachung zu liefern.[2] Anstatt diese Bedenken aufzugreifen, wurden die Verhandlungen im Rat beschleunigt und haben sich in zentralen Punkten in die entgegengesetzte Richtung entwickelt.

Susan Haffmans, Referentin bei PAN Germany erklärt: „Die europäischen und deutschen Institutionen sollten ihre Energie darauf verwenden, in eine nachhaltige Landwirtschaft zu investieren und Gesundheit, Wasser und Umwelt zu schützen – nicht darauf, die Schutz-Regeln zu schwächen. Die Gremien, die über den Omnibus-Vorschlag entscheiden, stehen in der Verantwortung, kommende Generationen vor noch mehr krankmachender chemischer Belastung zu schützen. Von den Mitgliedsstaaten erwarten wir, den Vorschlag entsprechen zu verbessern.“

Letzter Entwurf des Rates

Am 12. Juni gelang es der zyprischen Ratspräsidentschaft nicht, die Unterstützung der Mitgliedstaaten für ihren Kompromisstext zu gewinnen. Der Entwurf sah vor, unbefristete Genehmigungen auf Pestizide mit geringem Risiko zu beschränken, aber gleichzeitig die Erneuerungszeiträume für konventionelle Wirkstoffe auf bis zu 25 Jahre auszuweiten. Die Definition von biologischen Pestiziden wurde derart aufgeweicht, dass bestimmte schädliche synthetische Pestizide – etwa Pyrethroide – als “Biopestizide” eingestuft werden könnten. Auch Schwermetalle und deren Salze, beispielsweise Kupferverbindungen, würden Erleichterungen erfahren.

Der zyprische Entwurf behielt zudem die umstrittenen Pläne der Kommission bei, Ausnahmeregelungen auszuweiten, Übergangsfristen zu verlängern und die Möglichkeiten der Mitgliedstaaten einzuschränken, sich bei Zulassungsentscheidungen auf die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zu stützen.

Die Botschaft der Wissenschaft könnte nicht deutlicher sein: Der Omnibus-Vorschlag bewegt die EU in die falsche Richtung“, sagt Angeliki Lysimachou, Leiterin für Wissenschaft und Politik bei PAN Europe. „Die Mitgliedstaaten müssen auf die Wissenschaft hören und jede Aufweichung der hohen Schutzstandards ablehnen, die im EU-Pestizidrecht verankert sind, wenn sie am 26. Juni über den Omnibus-Vorschlag abstimmen.

Das größere Bild

Die Debatte spiegelt ein umfassenderes Versagen der EU-Institutionen wider, auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse und rechtlichen Notwendigkeit zu reagieren, und die Gesundheit der Menschen und die Umwelt vor schädlichen Pestiziden in entsprechender Form zu schützen. Sechs Monate nach dem wegweisenden Urteil des Europäischen Gerichtshofs zu dem Pyrethroid Cypermethrin [3] hat die Kommission keinerlei Folgemaßnahmen ergriffen. Gleichzeitig wird weiterhin über die Zulassung mehrerer gefährlicher Wirkstoffe diskutiert, obwohl Belege dafür vorliegen, dass sie verboten werden sollten.

Während das seit Langem verzögerte Leitdokument zum Bienenschutz (Bee Guidance Document) weiterhin blockiert wird und Risikobewertungen für Bestäuber noch immer auf veralteten Methoden basieren, setzt sich der Rückgang der biologischen Vielfalt in Europa fort.

Auch die Sorgen über chemische Verschmutzung nehmen zu. In der vergangenen Woche wurde Trifluoressigsäure (TFA), ein Abbauprodukt von 28 in der EU genehmigten PFAS-Pestiziden, als reproduktionstoxisch eingestuft. Das sehr langlebige und mobile TFA wird inzwischen europaweit in Trinkwasser und landwirtschaftlichen Kulturen nachgewiesen. Dennoch hat die EU bislang keinen umfassenden Ausstieg aus PFAS-Pestiziden vorgeschlagen, die zu dieser Belastung beitragen. Kommt der Omnibus-Vorschlag ohne Verbesserungen durch, erlauben die Mitgliedstaaten für einige PFAS-Pestizide unbefristete Genehmigungen – und damit eine ewige Belastung, warnen die Umweltschützer.

[1] Link zum Science-Artikel: https://www.science.org/doi/10.1126/science.aeg8744

[2] Leopoldina Fokus Nr. 6/ Juni 2026: Geplante Änderung der Zulassung von Pflanzenschutzwirkstoffen: Vorschläge der EU-Kommission verringern das Schutzniveau für Mensch und Umwelt;
EU Omnibus: Leading scientists from many disciplines call for better -not weaker- protection against pesticides;
Scientific assessment slams food and feed safety omnibus proposal | PAN Europe ;
Periodic Reassessment or Permanent Approval? A Critical Analysis of the EU Commission’s Proposal to Reform Pesticide and Biocide Authorisation in Europe |ChemRxiv;
Planned amendment to the authorisation of plant protection substances: Proposals of the EU Commission reduce the level of protection for humans and the environment – Leopoldina;
The Lawfulness of the Planned Amendments through the „Food and Feed Safety Omnibus“;
Omnibus X : Lettre ouverte au Président de la République Française | Framaforms.org

[3] EU highest Court declares toxic insecticide cypermethrin illegally re-approved by the European Commission

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Susan Haffmans, PAN Germany, susan.haffmans@pan-germany.org, + 49 40 399 19 10-25




EU-Behörden bestätigen Fortpflanzungsgefahr von TFA

Zulassungsvoraussetzungen für TFA-freisetzende Pestizide nicht mehr erfüllt

Hamburg, 10.06.2026. Pressemitteilung. Das Risikobewertungskomitee (RAC) der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA) hat TFA (Trifluoressigsäure) als fortpflanzungsgefährdend eingestuft. Die Ewigkeitschemikalie wird damit künftig als reproduktionstoxisch der Kategorie 1B geführt – mit dem Gefahrenhinweis: „Kann das Kind im Mutterleib schädigen. Kann vermutlich die Fruchtbarkeit beeinträchtigen.“

Mit der Bestätigung der besonderen Gefährlichkeit von TFA durch die EU-Behörde wurde festgestellt: TFA ist keine harmlose Umweltverunreinigung, sondern eine gefährliche Ewigkeitschemikalie, die sich dauerhaft in der Umwelt anreichert. PFAS-Pestizide, die TFA freisetzen, erfüllen damit die Zulassungsvoraussetzungen nicht mehr.

Grundlage für die Einstufung als fortpflanzungsschädigend waren Studien, in denen TFA bei Kaninchen schwere Fehlbildungen am Fötus und bei Ratten eine Abnahme der Spermienqualität und -zahl ausgelöst hat.

„Die ECHA-Einstufung bestätigt: TFA ist kein harmloses PFAS-Abbauprodukt. Wir begrüßen die gründliche, objektive und unabhängige Einschätzung durch den RAC‑Ausschuss ausdrücklich. Die Beweise wurden sorgfältig geprüft, und die wissenschaftliche Begründung entsprach höchsten Standards.“ – Dr. Peter Clausing, Toxikologe, PAN Germany

Neue Einstufung hat Folgen für Pestizidzulassungen

Die EU-Pestizidverordnung schließt fortpflanzungsgefährdende Stoffe der Kategorie 1B von der Genehmigung aus. Dieses Ausschlusskriterium gilt auch, wenn relevante Abbauprodukte diese Eigenschaften haben. Gleichzeitig verpflichtet die Verordnung die Behörden, bestehende Zulassungen zu überprüfen und zu widerrufen, wenn die gesetzlichen Zulassungsvoraussetzungen nicht mehr erfüllt sind. Dies wurde auch in einem von GLOBAL 2000 beauftragten Rechtsgutachten des Innsbrucker Europarechtlers Prof. Dr. Peter Hilpold bestätigt.

PMT-Einstufung verschärft die Lage zusätzlich

Die Einstufungen als PMT (persistent, mobil, toxisch) sowie als vPvM (äußerst persistent, äußerst mobil) bedeuten: TFA ist nicht nur giftig für die Fortpflanzung, sondern auch extrem langlebig und mobil im Wasserkreislauf. Die Kombination aus Persistenz, Mobilität und Toxizität macht den Stoff besonders problematisch. Nach Erkenntnissen des deutschen Umweltbundesamtes sind PFAS-Pestizide die wichtigste Quelle der TFA-Belastung des Grundwassers – mit einer jährlichen potenziellen Freisetzung von bis zu 434 Tonnen allein in Deutschland.

Politik muss handeln

Die Politik muss jetzt handeln: Die Toxizität und Umweltrelevanz von TFA steht außer Frage. Nach dem Pestizidrecht sind die EU und ihre Mitgliedsstaaten verpflichtet, PFAS‑Pestizide und TFA‑emittierende Substanzen ohne Verzögerung zu verbieten. Denn jede Verzögerung bedeutet mehr Verschmutzung mit der künftige Generationen leben müssen.“  – Susanne Smolka, Referentin für Pestizide und Biozide, PAN Germany.

Für PAN Germany steht fest: Die zuständigen Behörden in Deutschland müssen nun unverzüglich die Zulassungen aller TFA-freisetzenden PFAS-Pestizide überprüfen und die erforderlichen regulatorischen Konsequenzen ziehen.

Pressekontakte:

  • Susanne Smolka, PAN Germany
    susanne.smolka@pan-germany.org | +49 179 6822 644
  • Peter Clausing, PAN Germany
    peter.clausing@pan-germany.org | +49 176 4379 5932

 Hintergrundinformationen:




Vom Widerstand zum Wandel: 44 Jahre PAN International

Heute, am 28. Mai 2026, begehen wir den 44. Jahrestag der Gründung des internationalen Pesticide Action Network (PAN). 44 Jahre PAN International steht für 44 Jahre globales Engagement für eine gesunde, gerechte, ökologisch lebendige und klimaresistente Landwirtschaft und Ernährung.

In den vergangenen vier Jahrzehnten hat sich das globale Netzwerk zu einer Bewegung entwickelt, die über 600 eigenständige zivilgesellschaftliche Organisationen, Institutionen, Graswurzelgemeinschaften und Einzelpersonen in mehr als 90 Ländern umfasst.

Gemeinsam blicken wir auf erzielte Erfolge: Menschen, die besser vor Pestiziden geschützt wurden; Anbauprojekte, die erfolgreich Nahrung produzieren ohne chemisch-systemische Pestizide; Pestizidgesetze und Informationsrechte sowie nationale, regionale und internationale Verbote von einigen der gefährlichsten Pestizide der Welt. Ein Beispiel ist das Kinder schädigende Chlorpyrifos, für dessen globales Verbot PAN sich lange eingesetzt hat und das auf den Vertragsstaatenkonferenzen 2025 der Basler, Stockholmer und Rotterdamer Konventionen endlich verboten wurde. PAN hat dazu beigetragen, dass das Wissen über die Zusammenhänge zwischen Pestiziden, hochgefährlichen Pestiziden (HHPs), dem Verlust der biologischen Vielfalt, dem Klimawandel und der öffentlichen Gesundheit stark gestiegen ist.

Susan Haffmans, Referentin von PAN Germany sagt: „PAN guckt hin, wo andere weggucken: wo hochgefährliche Pestizide Schäden anrichten, Kinder, Frauen und Männer an den Folgen von Pestizidvergiftungen leiden und auf die Verschmutzung von natürlichen Ressourcen und Ökosystemen. In globaler Solidarität bringt PAN Menschen und Expertise aus Wissenschaft, Landwirtschaft, Ernährungssystemen, Bildung und Politik zusammen, um nachhaltige Lösungen voranzubringen. Durch die Förderung nicht-chemischer Alternativen im Pflanzenschutz und in der Schädlingsbekämpfung sowie durch die Bekämpfung von menschenrechtswidrigen Doppelstandards im Pestizidhandel trägt PAN dazu bei, den Wandel  zu einer gesünderen Welt für alle voranzutreiben.“

Lesen Sie hier die Pressemitteilung von PAN International (in Englisch)

 




From Resistance to Transformation: 44 Years of Pesticide Action Network

Today, 28 May 2026, we celebrate the 44th anniversary of the establishment of Pesticide Action Network (PAN). Since PAN’s founding in 1982 Malaysia, PAN has worked across borders and movements to challenge the harms caused by pesticides, especially highly hazardous pesticides, expose corporate and regulatory failures, advance agroecological alternatives, and defend the right of all people to healthy, just, ecologically vibrant and climate-resilient food and farming systems worldwide.

Over the past four decades, our global network has grown into a movement comprising over 600 autonomous civil society organisations, institutions, grassroots communities and individuals in more than 90 countries, and has achieved meaningful progress. Throughout this time, we have been proud to support communities in securing national, regional and international bans on some of the world’s most dangerous pesticides, such as Chlorpyrifos, which was recently banned at the 2025 Basel, Stockholm and Rotterdam Convention COPs. Awareness of the links between pesticides, highly hazardous pesticides (HHPs), biodiversity loss, climate change and public health has grown dramatically. Consequently, agroecology and farmer-led solutions are increasingly recognised as vital for achieving resilient food systems.

Yet the power of multinational agrochemical and biotech corporations has continued to grow, as has the overall use of synthetic pesticides. There has been a dramatic increase in vertical control of the food and farm sector, along with disturbing levels of risk to human and ecosystem health. Three mega-corporations now control 60% of the global seed market and 70% of the global pesticide market. Consequently, we are witnessing aggressive and alarming attempts to undermine global regulations and dismantle fundamental health and environmental protections.

As we mark this 44th anniversary, we reaffirm our commitment to transforming food systems for a future that is healthy, just, ecologically vibrant and climate-resilient. We will continue to take concerted action to promote sustainable agriculture as a holistic scientific approach and a movement for social transformation that upholds local knowledge, respects indigenous cultures and integrates participatory research and the empowerment of women and farmers. We will also continue to fight for local, national and international agreements that restrict, reduce and eliminate dependence on pesticides, and that phase out and ban those that cause acute and chronic effects, including endocrine disruption and cancer.

We would like to thank everyone who has contributed to this movement over the past 44 years, as well as those who will help shape the years ahead. Together, we will continue to build a world in which food production protects health, sustains livelihoods and respects the planet for future generations and regions.

Sarojeni Rengam, Executive Director at PAN Asia-Pacific highlighted: ‘At its 44th anniversary, PANAP affirms that banning and phasing out highly hazardous pesticides in the Asia-Pacific is not only necessary, but achievable through the collective power of women, farmers, agricultural workers, and Indigenous peoples’ movements. Building on this, we commit to advancing people-led agroecology to dismantle toxic, corporate-driven food systems with the leadership of these communities, while pushing for policies that decisively end pesticide dependence and advance ecological and climate justice’.

Susan Haffmans, Senior Adviser at PAN Germany added: ‘PAN shines a light where others look away: on the devastating impacts of highly hazardous pesticides, on the suffering endured by children, women, and men affected by pesticide poisoning, and on the contamination of natural resources and ecosystems. Working in global solidarity, PAN brings together experts from science, agriculture, food systems, education, and policy to advance sustainable solutions. By promoting non-chemical alternatives for plant protection and pest management, and by challenging double standards that undermine human rights, PAN is helping drive the transition toward a healthier, more just, and sustainable future.”

 Javier Souza Casadinho, regional coordinator of the Latin American Pesticide Action Network (PAN Latin America), noted, ‘Food systems are dominated by a handful of companies that control everything from inputs, such as pesticides and fertilizers, to the final processed goods. This is a dependent and polluting system. We must transform this system to return to producing healthy food. Farmers have developed agroecological strategies, practices, and technologies that protect soil and water and enable food production in healthy territories and communities free from dangerous agrochemicals’.

Kayla Nichols, Director of Communications of the Pesticide Action & Agroecology Network, North America (PANNA), noted, ‘At this critical moment, as we celebrate 44 years of incredible work at the global level, PANNA stands in solidarity with our international partners in the face of corporate corruption, food system consolidation, and environmental catastrophe. We know that in order to secure our collective vision for safe, resilient, and just food systems, we must confront the billionaire class and demand food sovereignty, while elevating farmer and farmworker-led agroecological solutions to the forefront.’

Editors’ Notes:

PAN International; Pesticide Action Network (PAN) is a network of over 600 participating nongovernmental organizations, institutions and individuals in over 90 countries working to replace the use of hazardous pesticides with ecologically sound and socially just alternatives. PAN was founded in 1982 and has five independent, collaborating Regional Centers that implement its projects and campaigns. https://pan-international.org/

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Alzchem: Länderübergreifender Protest fordert Exportstopp hochgefährlicher Pestizide

  • Protestaktionen in Südafrika und Deutschland
  • Organisationen werfen Alzchem Versäumnisse bei menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten vor
  • Veröffentlichung einer umfangreichen Abhandlung über den Wirkstoff Cyanamid

5. Mai 2026. Gemeinsame Pressemitteilung. Anlässlich der heutigen Hauptversammlung der Alzchem Group AG erneuern zivilgesellschaftliche Organisationen aus Südafrika und Deutschland ihre scharfe Kritik am fortgesetzten Export und der Vermarktung des Pestizids Dormex mit dem Wirkstoff Cyanamid. Die Organisationen Women on Farms Project, Umweltinstitut München, PAN Germany, INKOTA-Netzwerk und Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre fordern einen sofortigen Stopp des Exports hochgefährlicher Pestizide, die in der EU verboten sind.

Die Organisationen werfen Alzchem vor, bewusst doppelte Standards anzuwenden:  Cyanamid bzw. Dormex, die für die reguläre Verwendung in der EU als zu gefährlich gelten, werden gezielt in Länder mit schwächerem Arbeits- und Umweltschutz exportiert. Zudem kritisieren sie das Fehlen einer klaren Ausstiegsstrategie für hochgefährliche Pestizide sowie mangelnde Transparenz hinsichtlich der menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten des Unternehmens.

Cyanamid verlor seine Genehmigung in der EU im Jahr 2008 nach Vergiftungsfällen und dem Befund europäischer Behörden, dass der Stoff unvertretbare Gesundheitsrisiken mit sich bringt. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass selbst bei Verwendung persönlicher Schutzausrüstung die Expositionsgrenzwerte für Anwender*innen um ein Vielfaches überschritten werden und selbst Unbeteiligte in der Umgebung belastet werden. Die heute veröffentlichte Monographie dokumentiert diese Risiken auf Basis aktueller Forschung systematisch. Dennoch meldete Alzchem Group AG 2024 Exporte von gut 6.700 Tonnen Cyanamid in diverse Länder zur Verwendung als Pestizid.

Die Behauptung des Konzerns, Dormex könne bei „ordnungsgemäßer“ Anwendung sicher eingesetzt werden, weisen die Organisationen entschieden zurück. Berichte aus landwirtschaftlichen Regionen, insbesondere aus Südafrika, schildern unzureichende Schutzausrüstung, fehlende Informationen, mangelnde Schulungen und schwere gesundheitliche Folgen für Landarbeiter*innen.

Lilly*, eine Landarbeiterin aus Südafrika äußert besorgt: Wenn die Zeit des Sprühens näher rückt, bekomme ich ein mulmiges Gefühl. Ich weiß, dass wir bald damit beginnen werden, Dormex zu sprühen, und ich mache mir Sorgen um meine Gesundheit. Ich denke an mein Gesicht! Ich möchte Dormex nicht mehr sprühen und habe das dem Landwirt auch schon gesagt, aber er besteht darauf, dass ich die Arbeit erledigen muss, da ich dafür ausgebildet bin. Ich habe keine andere Wahl, denn wenn ich es nicht tue, wer wird dann für meine Kinder arbeiten? Wer wird Essen auf den Tisch bringen? Wo werden wir leben? Ich verstehe es einfach nicht … Wenn der Wirkstoff in Europa verboten ist, warum müssen wir ihn dann hier verwenden?”

Dr. Peter Clausing von PAN Germany erklärt: Solange Alzchem am Export von Dormex festhält, wird der Konzern seiner Verantwortung nicht gerecht. Die Beschäftigten auf den Farmen in Südafrika bewusst Gesundheitsrisiken auszusetzen, widerspricht dem Internationalen Verhaltenskodex für Pestizidmanagement – den die Industrie selbst unterstützt. Auch AlzChem sollte sich an diesen Kodex halten.”

Dr. Silke Bollmohr vom INKOTA-Netzwerk macht deutlich: Alzchem sind die Folgen vor Ort bekannt: Vergiftungen, unzureichende Schutzausrüstung, schwere gesundheitliche Schäden bei Landarbeiterinnen und Landarbeitern in Südafrika. Dass der Export dennoch fortgesetzt wird, ist eine bewusste wirtschaftliche Entscheidung auf Kosten der Menschen. Die Bundesregierung muss den Export von in der EU verbotenen Pestiziden endlich unterbinden.”

Ludwig Essig vom Umweltinstitut München, der seine Rede direkt von der Zentrale der Alzchem Group AG in die Hauptversammlung streamt, meint: „Was in Europa als zu gefährlich gilt, darf nicht anderswo zum Geschäftsmodell werden. Der Export von Cyanamid ist ethisch und ökonomisch nicht zukunftsfähig. Die Alzchem Group AG muss jetzt den Ausstieg einleiten und konsequent auf sichere, nachhaltige Alternativen setzen.“

Die Organisationen werden diese Kritikpunkte erneut auf der Hauptversammlung von Alzchem Group AG vorbringen und die Aktionär*innen auffordern, das Unternehmen zur Einhaltung internationaler Menschenrechtsstandards zu verpflichten.

* Name zum Schutz der Identität geändert.

Links / Weiterführende Informationen:

Pressekontakte:

Peter Clausing, PAN Germany
peter.clausing@pan-germany.org | +49 176 4379 5932

Silke Bollmohr, INKOTA-Netzwerk, Deutschland
bollmohr@inkota.de | +49 174 5620 107

Tilman Massa, Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre
dachverband@kritischeaktionaere.de | +49 173 713 52 37




Europäische Äpfel häufig mit Pestizidgemischen belastet

Studie findet PFAS, Neurotoxine und andere gefährliche Rückstände in heimischen Äpfeln

Hamburg, 29.01.2026. Pressemitteilung. In Europa konventionell angebaute Äpfel sind häufig mit Gemischen an Pestizidrückständen belastet. Das ist das Ergebnis einer heute vorgestellten Untersuchung von 59 Apfelproben aus 13 europäischen Ländern durch das Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN) Europe, PAN Germany und weiteren Partnerorganisationen. “Cocktails” an Pestiziden fanden sich in 85 % der untersuchten Äpfel. Obwohl die Gesetzgebung es vorschreibt, wird in der EU die Toxizität solcher Gemische noch immer nicht ausreichend bei der Festlegung von Schutzstandards für Verbraucher*innen berücksichtigt, kritisieren die Nichtregierungsorganisationen in dem Report.

Nur 7 % der Proben zeigten keine Pestizidrückstände. Zwei Drittel (64 %) der Proben enthielten mindestens ein PFAS-Pestizid und ein Drittel (36 %) der getesteten Äpfel ein neurotoxisches Pestizid [1, 2]. Sehr bedenklich: Würden die belasteten Äpfel als Gläschennahrung für Babys verarbeitet, wären diese in der EU nicht verkehrsfähig.

In allen fünf deutschen Apfelproben ließen sich mindestens zwei Pestizidrückstände nachweisen. Gefunden wurden unter anderem das sehr giftige und wahrscheinlich krebserregende Fungizid Captan, das bienen- und neurotoxische Neonikotinoid Acetamiprid, und das PFAS-Pestizid Flonicamid.  Die höchste gemessene Gesamtpestizidmenge wurde mit 6,48 mg/kg in einem deutschen Apfel aus dem “Alten Land”, einem elbnahen Anbaugebiet südlich von Hamburg, nachgewiesen.

Wenn die EU Pestizidgesetzgebung engagiert und ordnungsgemäß umgesetzt werden würde, wäre eine Reihe von Pestiziden, die in den Äpfeln gefunden wurden, längst durch weniger bedenkliche Pflanzenschutzverfahren ersetzt worden. Babys, Kleinkinder und Schwangere sind besonders empfindlich gegenüber der Exposition von Pestizidgemischen”, betont Susanne Smolka, Referentin bei PAN Germany.

Gergely Simon, Campaigner bei PAN Europe hebt hervor: „Eines der auffälligsten Ergebnisse ist, dass 85 % der getesteten Äpfel Rückstände mehrerer Pestizide enthielten. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit wurde vor 20 Jahren beauftragt, eine Methodik zur Regulierung der Cocktail-Effekte von Pestiziden zu entwickeln, aber sie kommt dieser gesetzlichen Verpflichtung immer noch nicht nach.”

Die Umwelt- und Verbraucherschützer kritisieren, dass junge Eltern zu wenig über die Gesundheitsrisiken für Babys und Kleinkinder aufgeklärt werden. Zwar gäbe es strengere Rückstandshöchstwerte für Kleinkindnahrung, aber nur für industriell hergestellte. Es mangele an behördlichen Empfehlungen zur Verwendung von deutlich weniger belasteten Bioprodukten – ob frisch oder in Form von Gläschennahrung.

Der Bericht macht deutlich, dass eine strenge Umsetzung der Gesetze erforderlich ist, um uns Menschen und insbesondere unsere Kinder vor Pestizidbelastungen zu schützen. Was wir nicht benötigen, ist eine Schwächung dieses Schutzes, wie er gerade von der EU Kommission in ihrem Omnibus-Vorschlag zur Vereinfachung der Lebensmittel- und Futtermittelsicherheit vorangetrieben wird. Dieser Vorstoß ist mit den Grundsätzen der EU und den Wünschen der Bevölkerung nicht vereinbar”, ergänzt Pestizidexpertin Smolka von PAN Germany.

Der Vereinfachungsvorschlag der EU-Kommission zur Lebens- und Futtermittelsicherheit sieht vor, das Pestizidrecht in wichtigen Punkten zu deregulieren. So sollen Pestizidgenehmigungen zukünftig zeitlich unbegrenzt erfolgen und damit die Verpflichtung zur periodischen Neubewertung der Toxizität der Wirkstoffe unter Berücksichtigung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse wegfallen. Zudem soll die Aufbrauchfrist nicht mehr zulassungsfähiger Mittel ausgedehnt werden und in Ausnahmen verbotene hormonell schädigende Pestizide weiter eingesetzt werden dürfen.

PAN Germany und PAN Europe lehnen diese Vorschläge ab und setzen sich für eine verlässliche Umsetzung der bestehenden Vorschriften und einen besseren Schutz der Gesundheit der Bürger*innen und der Umwelt vor Pestizidbelastungen ein. [3]

 

+++ Report “Pesticide cocktails – PFAS and neurotoxins in most European apples” +++

 

Pressekontakte:

 

Anmerkungen:

[1] Ban PFAS pesticides and TFA, PAN Europe

[2] Save our brain, PAN Europe

[3] Rechtsgutachten kritisiert EU-Gesetzentwurf: Abschaffung von Pestizid-Schutzstandards ist rechtswidrig, PAN Germany, Gemeinsame Pressemitteilung 26.01.2026

 

Beteiligte Partnerorganisationen: Nature et Progrès Belgique (Belgium), Earth Trek (Croatia), Hnuti DUHA – Friends of the Earth Czech Republic (Czech Republic), Danish Consumer council THINK CHEMICALS. Forbrugerrådet Tænk (Denmark), Générations Futures (France), PAN Germany (Germany), MTVSZ – Friends of the Earth Hungary (Hungary), PAN Europe (Italy), OEKO (Luxembourg), PAN Netherland (Netherlands), Koalicja Żywa Ziemia – Living Earth Coalition (Poland), Ecologistas en Accion (Spain), WWF Schweiz (Switzerland)




Rechtsgutachten kritisiert EU-Gesetzentwurf: Abschaffung von Pestizid-Schutzstandards ist rechtswidrig

Pressemitteilung

● EU-Kommission will regelmäßige Risikobewertungen für Ackergifte wie Glyphosat abschaffen

● Gutachten: „Omnibus“-Gesetzespaket verstößt gegen EU-Schutzstandards und Urteil des EuGH

● Umwelt- und Verbraucherorganisationen fordern: Bundesregierung muss Pläne im EU-Rat am 2. Februar klar ablehnen

+++ Rechtsgutachten zum Download +++

Berlin, Hamburg, München, 27. Januar 2026. Die von der Europäischen Kommission geplante Abschaffung von Pestizid-Schutzstandards ist rechtswidrig. Das zeigt ein Rechtsgutachten, das mehrere Verbraucher- und Umweltschutzorganisationen heute veröffentlicht haben.

Das Gutachten, das die Aurelia Stiftung, ClientEarth, die Deutsche Umwelthilfe, der Deutsche Naturschutzring, foodwatch, das Pestizid Aktions-Netzwerk und das Umweltinstitut München in Auftrag gegeben haben, warnt: Die Pläne der EU-Kommission führen zu „einer erheblichen Absenkung des Schutzniveaus für Umwelt und Gesundheit“. Zudem gebe es „ernsthafte Zweifel“ an der Vereinbarkeit mit dem Vorsorgeprinzip und dem europarechtlich garantierten hohen Schutzniveau für Gesundheit und Umwelt. Die Organisationen fordern EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen deshalb auf, die Pläne zu stoppen. Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer muss klarmachen, dass Deutschland das Gesetzesvorhaben nicht unterstützt. Die Verbände fordern eine klare Ablehnung des Vorschlags durch die Bundesregierung auf der Sitzung des EU-Rates am 2. Februar.

Mit dem sogenannten „Food and Feed Safety Simplification Omnibus“-Gesetzespaket will die EU-Kommission die bisher vorgeschriebenen, regelmäßigen Risikoprüfungen für Pestizidwirkstoffe abschaffen. Viele Ackergifte sollen künftig unbefristet genehmigt werden. Selbst wenn neue Studien zum Beispiel Hinweise auf Krebsrisiken oder auf eine Belastung des Grundwassers liefern, blieben die Pestizide auf dem Markt. Außerdem will die Kommission die Fristen ausweiten, wie lange ein nachweislich problematischer Stoff selbst nach seinem Verbot noch eingesetzt werden darf.
Die geplanten Änderungen stehen laut Gutachten auch im klaren Widerspruch zur Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs. Dieser hat bereits 2019 in seinem richtungsweisenden Blaise-Urteil klargestellt, dass der Unionsgesetzgeber beim Erlass von Vorschriften zum Inverkehrbringen von Pflanzenschutzmitteln das Vorsorgeprinzip befolgen und ein hohes Gesundheitsschutzniveau sicherstellen muss. Dies beinhaltet insbesondere die Pflicht, den neuesten Stand der Wissenschaft zu berücksichtigen.

Das Gutachten kritisiert zudem, dass die Kommission den Gesetzesvorschlag im Schnellverfahren vorantreibt – ohne die verpflichtende ordentliche Folgenabschätzung und ohne die üblichen demokratischen Beteiligungsmöglichkeiten für die Öffentlichkeit wie Expert:innen, Organisationen und Verbände im Rahmen einer öffentlichen Konsultation. Kritische Hinweise habe die Kommission ignoriert. Obwohl “mit erheblichen ökologischen und gesundheitlichen Auswirkungen zu rechnen” sei, heißt es in dem Gutachten.
Die Umwelt- und Verbraucherorganisationen fordern die Mitgliedstaaten und insbesondere die deutsche Bundesregierung auf, den Gesetzesvorschlag im EU-Rat abzulehnen.

Susanne Smolka, Referentin für Pestizide beim Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN Germany): Der Gesetzesvorschlag wirft in einem undemokratischen Verfahren jahrzehntelange Errungenschaften zum Schutz unserer Gesundheit und der Umwelt über Bord. Leidtragende werden insbesondere unsere Kinder sein, die zukünftig noch schlechter vor Belastungen insbesondere mit hormonell schädigenden und reproduktionstoxischen Pestiziden und PFAS-Pestiziden geschützt sein werden.”

Thomas Radetzki, Aurelia Stiftung: „Die EU-Kommission plant, grundlegende Schutzmechanismen für Mensch und Natur außer Kraft zu setzen. Einmal genehmigte Pestizide sollen praktisch unangreifbar sein. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu Risiken brauchen nachträglich nicht mehr berücksichtigt zu werden – selbst wenn Behörden oder unabhängige Institutionen dies fordern. Unter dem Schlagwort „Bürokratieabbau“ droht der Schutz von Bienen und Biodiversität systematisch ausgehebelt zu werden. Wir fordern die EU-Kommission auf, Vorsorgeprinzip, wissenschaftsbasierte Risikobewertung und Revisionsfähigkeit bei Pestizidzulassungen verbindlich zu gewährleisten.“

Elisabeth Koch, Juristin bei ClientEarth: Die vorgeschlagenen Änderungen machen die jahrzehntelangen Fortschritte bei der Regulierung von Pestiziden zunichte und riskieren damit die Gesundheit von Landwirt*innen, Verbraucher*innen und der Natur. Außerdem ignoriert es die Rechtsprechung des EuGH. Diese sagt klar: Die Risikobewertung muss neueste wissenschaftliche Erkenntnisse zum Schutz der Menschen einbeziehen und eine Abwägung treffen, die das Vorsorgeprinzip vor wirtschaftlichen Interessen priorisiert. Statt “Vereinfachung” schafft dieses Omnibuspaket Rechtsunsicherheit und Gesundheitsrisiken, von denen nur Unternehmen profitieren.”

Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe e.V. (DUH): „Das Omnibus-Gesetzespaket ist ein politischer Etikettenschwindel: Unter dem Deckmantel von Bürokratieabbau wird in der EU der Schutz von Mensch und Natur bei Pestiziden systematisch zurückgebaut. Unbefristete Wirkstoffzulassungen, auch bei neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu Risiken und längere Aufbrauchfristen selbst bei bedenklichen Stoffen sind nichts anderes als ein Freifahrtschein für gefährliche Ackergifte. Wer das durchwinkt, nimmt Umwelt- und Gesundheitsschäden billigend in Kauf. Wir erwarten von der Bundesregierung klare Kante im Rat. Dieser Gesetzesvorschlag muss abgelehnt werden. Was wir brauchen, ist die Rückkehr zu echter Risiko-Kontrolle, statt immer mehr Deregulierung.“

Fabian Holzheid, Geschäftsführer am Umweltinstitut München: „Mit diesem Omnibus-Gesetzespaket würde die EU-Kommission ein gefährliches Signal senden: Pestizide dürften dauerhaft auf dem Markt bleiben, selbst wenn neue wissenschaftliche Erkenntnisse auf erhebliche Risiken hinweisen. Das ist rechtswidrig und verantwortungslos. Ursula von der Leyen muss die Pläne zurückziehen – und die Bundesregierung darf ihnen nicht zustimmen.”

Annemarie Botzki von der Verbraucherorganisation foodwatch: „Der EU-Kommission sind die Profite von BayerMonsanto und Co. offenbar wichtiger als die Gesundheit von uns Bürger:innen. Ursula von der Leyen nimmt in Kauf, dass noch mehr Rückstände von Ackergiften in unseren Lebensmitteln landen.”

Quellen und weiterführende Informationen:

Pressekontakte:

Pestizid Aktions-Netzwerk e.V. (PAN Germany)
Susanne Smolka
E-Mail: susanne.smolka@pan-germany.org
Mobil: +49 (0)179 / 6 82 26 44 //+49 (0)157 / 315 640 17

Aurelia Stiftung
Thomas Radetzki
thomas.radetzki@aurelia-stiftung.de
Mobil: +49 (0) 171 / 33 66 569

ClientEarth
Johanna Famulok
E-Mail: jfamulok@clientearth.org
Tel: +49 (0)30 / 726 211 926

Deutsche Umwelthilfe e.V.
Jürgen Resch
E-Mail: resch@duh.de
Mobil: +49 (0)171 / 364 91 70

foodwatch e.V.
Andreas Winkler
E-Mail: presse@foodwatch.de
Mobil: +49 (0)174 / 375 16 89

Umweltinstitut München e.V.
Moritz Tapp
E-Mail: mt@umweltinstitut.org
Tel:  +49 (0)89 / 307749-48