Syngenta unter Druck: 51 indische Familien reichen nach Pestizidvergiftung Beschwerde ein

Das Vergiftungsdrama im indischen Yavatmal im Jahr 2017 ist nicht vergessen. Hunderte Baumwollbäuer*innen erlittenen damals nach dem Versprühen von Pestiziden teils schwere Vergiftungen. Behördliche Dokumente zeigen nun die Rolle des Syngenta-Pestizids „Polo“ in dieser Tragödie. Die Polizei ordnete 98 erlittene Vergiftungen, darunter zwei mit Todesfolge, der Verwendung von „Polo“ zu. 51 betroffene Familien reichen deshalb heute Beschwerde beim Schweizer Kontaktpunkt der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ein. Sie werden dabei von PAN India, PAN Asia Pacific (PANNA), der Maharashtra Association of Pesticide Poisoned Persons (MAPPP), dem in Deutschland ansässigen European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) und der Schweizer NGO Public Eye unterstützt. „Polo“ enthält den Wirkstoff Diafenthiuron, der in der Schweiz aus Gründen des Umwelt- oder Gesundheitsschutzes verboten ist und auch in der EU nicht eingesetzt werden darf. Die Hintergründe der Vergiftungswelle von 2017 sind in den Berichten von PAN India und Public Eye dokumentiert.

Sarojeni Rengam, Geschäftsführende Direktorin von PAN Asia Pacific (PANAP) sagt hierzu: „Aus den Dokumenten geht klar hervor, dass das Pestizid „Polo“ von Syngenta in Yavatmal, Indien, in großem Umfang Vergiftungen verursacht hat. Viele der Vergiftungsopfer mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden, berichteten von vorübergehender Blindheit oder waren mehrere Tage lang bewusstlos. Einige litten auch an Atembeschwerden und Muskelschmerzen. Yavatmal ist nur ein Fall von vielen. Überall in Indien leiden Bäuerinnen und Bauern unter Pestizidvergiftungen. Wir reichen bei der OECD eine Beschwerde gegen Syngenta wegen der Vergiftungen ein, die durch das Produkt POLO verursacht wurden. Mit dieser Aktion wollen wir gegen die Verantwortungslosigkeit der europäischen Pestizidkonzerne vorgehen, unabhängig davon, wo sie tätig sind.“

Syngenta ist nicht der einzige Konzern in Europa, der Doppelstandards im Pestizid-Handel ausnutzt. Auch Firmen in Deutschland machen Gewinne mit Pestiziden, die in der EU aufgrund von Gefahren und Risiken für die menschliche Gesundheit und die Umwelt nicht genehmigt bzw. verboten sind, wie Berichte von PAN Germany und Public Eye zeigen konnten.

Erst im Juli dieses Jahres kritisierten führende Expert*innen des Menschenrechtsrates der Vereinten Nationen aufs schärfste die gängige Praxis wohlhabender Staaten, ihre verbotenen giftigen Chemikalien in ärmere Länder zu exportieren und forderten von EU- und OECD-Staaten eine Abkehr von dieser menschenrechtswidrigen Praxis. Der Vergiftungsfall von Yavatmal veranschaulicht auf traurige Weise, dass es die, von der Industrie nach wie vor gepredigte, „sichere Anwendung“ hochgefährlicher Pestizide unter Armutsbedingungen nicht gibt und er zeigt, wie dringend es rechtsverbindlicher Regelungen gegen Doppelstandards im Pestizidhandel bedarf. PAN Germany setzt sich in einer gemeinsamen Kampagne mit dem INKOTA Netzwerk für ein Gesetz gegen diese Doppelstandards ein.

Die amtlichen Dokumente aus Indien liefern auch Hinweise auf zwei Todesfälle im Zusammenhang mit Polo. Parallel zur OECD-Beschwerde wurde mit den Hinterbliebenen der beiden Todesopfer sowie mit einem Vergiftungs-Überlebenden eine auf der Produktehaftung basierende Schadensersatzklage in Basel eingereicht.

Weitere Informationen und Hintergründe zu der Beschwerde gegen Syngenta finden Sie in der gemeinsamen Presseerklärung des ECCHR, Public Eye, PAN Asia Pacific und PAN India.

 

Kontakt:

Ms. Sarojeni Rengam, PAN Asia Pacific, sarojeni.rengam@panap.net

Susan Haffmans, PAN Germany, susan.haffmans@pan-germany.org




Die EU muss endlich umweltverschmutzende Pharmazeutika-Hersteller in die Pflicht nehmen

Anlässlich der Verabschiedung einer Resolution über Arzneimittel in der Umwelt am Donnerstag, den 17. September 2020 im Europäischen Parlaments, fordern zahlreiche europäische Organisationen, darunter Health Care Without Harm (HCWH) Europe , European Environment Bureau (EEB) und PAN Germany in einer gemeinsamen Presseerklärung ein entschiedenes Handeln der EU gegen Umweltverschmutzungen durch Arzneimittel und machen insbesondere auf die Verbreitung von Antibiotika-Resistenzen über die Umwelt aufmerksam.

Insbesondere in der Nähe von Arzneimittelherstellungsanlagen ist die Belastung von Oberflächen- und Grundwassersystemen mit Arzneimittelrückständen groß. Dies kann schwerwiegende Auswirkungen auf die Gesundheit und die Lebensgrundlagen der Menschen haben, darunter Hautkrankheiten, Fischsterben und vergiftetes Vieh.

Trotz der alarmierenden und bekannten Risiken macht die EU bislang keine Umweltauflagen für die Herstellung von Medikamenten, die auf dem europäischen Markt verkauft werden. Dies muss sich aus Sicht der NGOs ändern.

Hier geht es zur gemeinsamen englischsprachigen Presseerklärung.




PAN-Engagement für den Export-Stopp verbotener Pestizide erfährt Unterstützung von UN-Expert*innen

[Hamburg, 9. Juli 2020] Die Praxis wohlhabender Staaten, ihre verbotenen giftigen Chemikalien in ärmere Länder zu exportieren, ist verwerflich und muss beendet werden, fordern der UN Sonderberichterstatter Baskut Tuncak gemeinsam mit 35 führenden Expert*innen des Menschenrechtsrates in einer heute veröffentlichten Presseerklärung.

Im vergangenen Jahr exportierten mindestens 30 Staaten gefährliche Substanzen, die vor Ort aus Gesundheits- und Umweltgründen verboten worden waren, nach Lateinamerika, Afrika und Asien. Der UN-Experte Tuncak kritisiert, dass wohlhabendere Nationen durch diese Doppelstandards im Handel die Gesundheits- und Umweltauswirkungen auf die Schwächsten externalisieren.

„Wir begrüßen die Initiative der UN-Expert*innen sehr. Auch Deutschland ist an diesem schmutzigen Export beteiligt und muss hier endlich Verantwortung übernehmen“ sagt Susan Haffmans, Pestizid-Expertin bei PAN Germany und ergänzt: „Wir fordern ein Gesetz, das den Export in der EU verbotener hochgefährlicher Pestizide in Drittländer untersagt.“. Diese Forderung erfährt breite öffentliche Unterstützung durch einen jüngst gestarteten gemeinsamen Appell von INKOTA und PAN Germany, der die Bundesregierung zum Handeln aufruft.

PAN Germany konnte in seinem Report „Giftige Exporte: Ausfuhr hochgefährlicher Pestizide von Deutschland in die Welt“ zeigen, dass aus Deutschland heraus mehrere Tausend Tonnen Pestizide exportiert werden, die in der EU aufgrund ihrer besonderen Gefährlichkeit längst verboten sind.

Jahr für Jahr werden Millionen Menschen weltweit Opfer von Pestizidvergiftungen. Besonders betroffen sind Menschen, die in Armut leben. Hinzukommen kontaminierte Gewässer, belastete Böden und der Verlust für die Landwirtschaft wichtiger Nützlinge wie Bienen. Eine besondere Gefahr für die Menschen und ihre Umwelt geht von hochgefährlichen Pestiziden (HHPs) aus.

PAN Germany und seine internationalen PAN Partnerorganisationen engagieren sich auch im Rahmen des internationalen Chemikalienmanagements (SAICM) für ein global abgestimmtes strikteres Vorgehen gegen Doppelstandards im Pestizidhandel und für verbindliche Regeln für ein Phase-out von hochgefährlichen Pestiziden und deren Ersatz durch agrarökologischen Maßnahmen.

 

Kontakt:

Susan Haffmans: Referentin für Pestizide, PAN Germany, 040 399 19 10-25, E-Mail: susan.haffmans@pan-germany.org




Zivilgesellschaft kritisiert BASF wegen Exportgeschäft mit verbotenen Pestiziden

Zur Hauptversammlung des deutschen Chemiekonzerns fordern NGOs das Einschreiten der Bundesregierung, um Menschen und Umwelt in Drittländern besser vor Vergiftungen zu schützen.

[Berlin/Hamburg, 17. Juni 2020] Anlässlich der BASF-Hauptversammlung am 18. Juni kritisieren die Entwicklungsorganisation INKOTA und das Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN Germany) Geschäftspraktiken von Pestizidunternehmen wie BASF, die von Doppelstandards in der globalen Vermarktung profitieren. BASF verkauft etwa in Brasilien und Südafrika zahlreiche Pestizidwirkstoffe, die in der EU nicht genehmigt sind. Darunter leiden neben der Umwelt vor allem Bäuerinnen und Bauern sowie Arbeiter*innen in der Landwirtschaft, die den Giften oftmals schutzlos ausgesetzt sind. Um das zu unterbinden, fordern INKOTA und PAN Germany die Bundesregierung auf, den Export von in der EU verbotenen Pestiziden gesetzlich zu verbieten. Einen entsprechenden Appell starten die beiden Organisationen heute.

„Ohne Skrupel macht BASF in Afrika, Asien und Lateinamerika Milliarden-Umsätze mit hochgefährlichen und in der EU oft nicht genehmigten Pestiziden“, sagt Agrarexpertin Lena Luig von der Entwicklungsorganisation INKOTA. „Damit gefährdet der Konzern die Gesundheit von Millionen Menschen im globalen Süden.“ BASF macht laut der Unternehmensdatenbank Phillips McDougall ein Viertel seines Umsatzes mit hochgefährlichen Pestiziden (HHPs), so Luig weiter. In Brasilien und Südafrika verkaufe der Konzern 18 Pestizidwirkstoffe, die in der EU nicht genehmigt sind. „Während BASF gern daran festhält, dass es sich bei der globalen Vermarktung von in der EU nicht genehmigten Pestiziden gar nicht um Doppelstandards handele, haben wir bei unseren Recherchen festgestellt, dass sich unter den in Brasilien und Südafrika vermarkteten BASF-Wirkstoffen mindestens zwei befinden, deren Genehmigung auf EU-Ebene nach eingehender Prüfung ausdrücklich abgelehnt wurde – weil sie zu gefährlich sind!“, sagt Luig.

Die Analyse der in Brasilien und Südafrika vermarkteten Wirkstoffe sowie deren Folgen für Landarbeiter*innen und indigene Gruppen sind in der Studie „Gefährliche Pestizide“ dokumentiert, die INKOTA gemeinsam mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung, MISEREOR sowie Partnerorganisationen aus Brasilien und Südafrika im April veröffentlicht hat. Neben BASF stehen darin auch Bayer, Syngenta und weitere Konzerne in der Kritik.

„Deutschland hat global gesehen eine besondere Rolle“, sagt Susan Haffmans von PAN Germany. „Die Bundessrepublik ist nach China der zweitgrößte Pestizidexporteur weltweit. Dabei sind ein Viertel der 2017 aus Deutschland exportierten Pestizidwirkstoffe hochgefährlich. In seiner Studie „Giftige Exporte“ konnte PAN Germany zeigen, dass sogar mehrere Tausend Tonnen Pestizide exportiert werden, die keine EU-Genehmigung haben. Auch Glufosinat, das Bayer im Zuge der Fusion mit Monsanto nun an BASF abtreten musste, ist seit 2018 in der EU nicht mehr genehmigt. Der Wirkstoff steht auf der PAN-Liste der hochgefährlichen Pestizide, weil er die Fruchtbarkeit beeinträchtigen und das ungeborene Kind schädigen kann. Doch allein 2018 wurden aus Deutschland zwischen 2.500 und 10.000 Tonnen Glufosinat exportiert. „Die Bundesregierung muss sich dringend ihrer Verantwortung stellen und dem Beispiel Frankreichs folgen“, fordert deshalb Lena Luig. Susan Haffmans sagt: „Wir fordern ein Gesetz, das den Export in der EU verbotener Pestizidwirkstoffe in Drittländer untersagt.“

 

Weitere Informationen:

Studie: „Giftige Exporte: Ausfuhr hochgefährlicher Pestizide von Deutschland in die Welt“ von PAN Germany (2019)

Studie: „Gefährliche Pestizide von Bayer und BASF – ein globales Geschäft mit Doppelstandards“ von INKOTA, MISEREOR, Rosa-Luxemburgstiftung et al. (2020)

Appell von INKOTA und PAN Germany an die Bundesregierung für ein Exportverbot von in der EU verbotenen Pestiziden.

 

Kontakte:

Susan Haffmans: Referentin für Pestizide, PAN Germany, 040 399 19 10-25, E-Mail: susan.haffmans@pan-germany.org

Lena Luig, Referentin für globale Landwirtschaft und Welternährung, INKOTA-netzwerk, Mobil: 01577 15 48 06 3, E-Mail: luig@inkota.de




Europäischer Grüner Deal darf nicht verwässert werden

Hamburg, 29. April 2020. Pressemitteilung. Während die EU-Mitgliedstaaten mit der Covid-19-Krise zu kämpfen haben, nutzt die Agrarindustrie die Situation aus, um von der Leyen’s European Green Deal zu verwässern. Die Unterstützer*innen der Europäischen Bürgerinitiative „Bienen und Bauern retten“, darunter PAN Germany, fordern die Europäische Kommission auf, die ehrgeizigen Ziele zum Schutz der Gesundheit der Menschen und der Umwelt beizubehalten und den Übergang der europäischen Landwirtschaft zur Agrarökologie zu unterstützen.

Heute, am 29. April 2020, sollte die Europäische Kommission endlich ihre „Farm to Fork“-Strategie und ihre Biodiversitätsstrategie veröffentlichen. Angekündigt war, dass diese politischen Instrumente ehrgeizige und verbindliche Ziele für eine Pestizidreduktion im Sinne einer grüneren Landwirtschaft und für den Erhalt der Artenvielfalt festlegen würden. Die Veröffentlichungen wurden jedoch bereits zum zweiten Mal mit einer neuen möglichen Frist für den 20. Mai verschoben. In der Zwischenzeit zeigen durchgesickerte Dokumente, dass das ursprüngliche ehrgeizige Ziel, die Verringerung des Pestizideinsatzes in den Mitgliedstaaten verbindlich vorzuschreiben, augenscheinlich merkbar verwässert werden soll.

Die Entwicklung beider Strategien wurde im Rahmen des neuen Europäischen Grünen Deals von der neu gewählten Präsidentin Ursula von der Leyen im Dezember 2019 vorgestellt. Ein solch ehrgeiziger Plan zum Schutz des Klimas, der Umwelt und zukünftiger Generationen ist ein beispielloser Schritt der EU Kommission und wurde von vielen Organisationen der Zivilgesellschaft begrüßt. Der Europäische Grüne Deal ist die notwendige Reaktion auf die zahlreichen alarmierenden Aufrufe von Seiten der Wissenschaft zum Biodiversitätsverlust und dem fortschreitenden Klimawandel. Die europäischen Wähler*innen hatten zuvor in der Europawahl im Frühjahr 2019 ein deutliches Votum abgegeben und für mehr Sitze im EU Parlament für grüne Parteien gestimmt.

Der Gegenwind gegen einen nachhaltigeren Kurs der europäischen Politik von Seiten der Agrarindustrie und industriefreundlichen Akteur*innen ist beträchtlich und die Covid-19 Krise wird dafür genutzt, um die ambitionierten Strategien gezielt zu verzögern und ungeachtet zu verwässern. Tamara Gripp, Referentin für Landwirtschaft und Umwelt bei PAN Germany ist besorgt: Die Gefahr, mit schwachen Strategie zu enden, ist groß. Die deutsche Bundesregierung sollte ihre anstehende Ratspräsidentschaft dafür nutzen, um ihren Forderungen nach einer „grünen Erholung“ nach Covid-19 Nachdruck zu verleihen und für eine ambitionierte Umsetzung des European Green Deals und der zugehörigen Strategien einzutreten.“

Gemeinsam mit allen Unterstützer*innen der Europäischen Bürgerinitiative „Bienen und Bauern retten“ fordern wir, dass die EU Kommission an den ambitionierten Zielen in der Landwirtschafts- und Biodiversitätspolitik festhält. Bereits jetzt sind über 300.000 Unterschriften in der gesamten EU zusammengekommen und wir werden weiter für mehr Unterstützung werben, um unsere Forderungen Gehör zu verschaffen. Unsere Ziele sind konkret und umsetzbar: Den Einsatz chemisch-synthetischer Pestizide in der EU schrittweise auslaufen lassen, die biologische Vielfalt in landwirtschaftlichen Gebieten wiederherstellen und Subventionen der Gemeinsamen Agrarpolitik nutzen, um die EU-Landwirtschaft auf den Weg zur Agrarökologie zu bringen. Die Covid-19-Pandemie hat einmal mehr gezeigt, wie verwundbar die globalisierten Landwirtschafts- und Lebensmittelsysteme sind, und das Agrarökologie der einzige Weg ist, um unsere Lebensmittelproduktion unter Berücksichtigung der Gesundheit von Menschen und Umwelt langfristig zu gewährleisten.

Kontakt:
Tamara Gripp, E-Mail tamara.gripp@pan-germany.org, Tel. +49 40 399 19 10-23, Mobil +49 157 30 34 92 58

Weitere Informationen:

Pressemitteilung der Allianz „Save Bees and Farmers“ vom 29.04.2020: „Amid the Covid-19 crisis, European civil society rises to protect public health and the environment from pesticides“ (EN)

 

Open NGO letter: European Green Deal needs to cut pesticides and switch to agroecology (EN)

Open NGO letter: European Green Deal needs to cut pesticides and switch to agroecology (EN)

Datum: 31. März 2020 232.52 KB

We are writing to you as supporters of the European Citizens Initiative Save Bees and Farmers1 which...

Gemeinsame Stellungnahme: JAHRESBILANZ AGRARÖKOLOGIE - Analyse ein Jahr nach Veröffentlichung des Positionspapiers „Agrarökologie stärken“ 2019

Gemeinsame Stellungnahme: JAHRESBILANZ AGRARÖKOLOGIE - Analyse ein Jahr nach Veröffentlichung des Positionspapiers „Agrarökologie stärken“ 2019

Datum: 2. April 2020 2.04 MB

Im Januar 2019 – vor einem Jahr – haben 59 Organisationen und Verbände aus Umwelt, Entwicklung,...

Gemeinsames Positionspapier: Agrarökologie stärken

Gemeinsames Positionspapier: Agrarökologie stärken

Datum: 19. Januar 2019 1.44 MB

Gemeinsam für naturnahe bäuerliche Anbausysteme und solidarische Lebensräume. ...




Neue wissenschaftliche Publikation kritisiert bestimmte Praktiken der Pestizid-Risikobewertung angesichts der „Farm to Fork“-Strategie und REFIT

„Grüner Aufschwung“ nach COVID-19-Krise erfordert gesundes und nachhaltiges Ernährungssystem

Pressemitteilung des Pestizid Aktions-Netzwerks (PAN Germany), Hamburg.

Kontakt: Dr. Peter Clausing, PAN Germany +49 176 4379 5932; peter.clausing@pan-germany.org

(Hamburg, 21.4.2020 ) Eine neue wissenschaftliche Publikation, die von einer Gruppe von Experten aus den Bereichen Recht, Politik und Toxikologie veröffentlicht wurde, hat Mängel aufgezeigt, die dem europäischen Prozess der Risikobewertung von Pestiziden innewohnen.

Die Experten haben in ihrer Veröffentlichung umfassende Vorschläge für eine Reform der Risikobewertung unterbreitet, um zu vermeiden, dass die identifizierten Mängel zu einer ernsthaften Untergrabung der Bestrebungen für eine nachhaltige Landwirtschaft und eine „grüne Erholung“ von der COVID-19-Pandemie führen.

Forderungen nach einer solchen „grünen Erholung“ wurden kürzlich von 13 europäischen Umweltminister*innen, sowie 180 politischen Entscheidungsträger*innen, Wirtschaftsführer*innen, Forscher*innen und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) erhoben. Man war sich einig, dass „business as usual“ – die Rückkehr zum alten umweltbelastenden Modell wirtschaftlichen Fortschritts – keine Option ist.

Regulatorisches Versagen

Dem neuen Papier zufolge, das im European Journal of Risk Regulation erschien, vernachlässigen die EU-Behörden regelmäßig die Umsetzung bzw. Einhaltung ihrer eigenen Pestizid-Vorschriften. Während die EU-Pestizid-Verordnung 1107/2009 theoretisch eine der strengsten der Welt ist, hat sie ihr Ziel „einer unabhängigen, objektiven und transparenten Bewertung“ mit dem Ziel „ein hohes Schutzniveau für die Gesundheit von Mensch und Tier sowie für die Umwelt sicherzustellen“ noch nicht erreicht. Die vorgelegte Publikation enthält weitreichende Empfehlungen zur Lösung dieser Probleme. Dabei dient Glyphosat als Fallstudie wissenschaftlicher und regulatorischer Kontroversen. Das betrifft

  • den weit verbreiteten Missbrauch und die Fehlinterpretation wissenschaftlicher Ergebnisse, verbunden mit einer selektiven Bevorzugung von „günstigen“ Studien, Plagiaten sowie die unkritische Präsentation von Ergebnissen, die als unabhängig dargestellt werden, und ferner den Missbrauch statistischer und analytischer Verfahren;
  • das kontinuierliche Versagen, Effekte von Pestizidgemischen, inklusive Zusatzstoffen, angemessen zu berücksichtigen, obwohl diese das Toxizitätsprofil eines Wirkstoffs verändern können. Eine Berücksichtigung dieser Effekte bei der Genehmigung von Wirkstoffen ist überfällig;
  • die ungenügende Behandlung von Interessenkonflikte innerhalb der Aufsichtsbehörden, wodurch die Unabhängigkeit und Objektivität der Pestizidbewertungen untergraben wird.

Als Folge dieser Versäumnisse durchliefen etliche Pestizidwirkstoffe erfolgreich den Genehmigungsprozess, trotz ihres Potenzials, Mensch, Tier und Umwelt zu schädigen.

Vorgeschlagene Lösungen

Den Autoren zufolge ist das Gesetz selbst kaum der Grund für diese Mängel. Vielmehr liegt das Problem in der fehlenden Umsetzung bzw. konsequenten Anwendung  der geltenden Regeln und Richtlinien durch die Regulierungsbehörden.

Die Autoren schlagen Verbesserungen zur Durchführung der Risikobewertung seitens der Regulierungsbehörden vor.  Dazu zählt die Art und Weise, wie aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse in die Risikobewertung einfließen und wie geltende Regeln einer wissenschaftlich fundierten Bewertung angewandt werden sollten.

Dazu gehören:

  • eine breitere Anwendung so genannter Systematic Reviews (ein etabliertes Verfahren zur Erstellung von wissenschaftlichen Literaturübersichten), um Objektivität und Transparenz bei der Bewertung wissenschaftlicher Forschungsergebnisse zu sichern;
  • die ordnungsgemäße Anwendung des „weight-of-evidence“, um unterschiedliche wissenschaftliche Belege integriert zu betrachten, statt sie getrennt zu bewerten und anschließend zu verwerfen, wie es zum Beispiel im Fall der Krebsbewertung von Pestiziden immer wieder geschehen ist;
  • eine bessere Bewertung der Toxizität von Pestizidformulierungen, so, wie sie vermarktet werden, anstatt sich nur auf die Pestizidwirkstoffe zu konzentrieren, da die Formulierungen ggf. weitaus toxischer sein können;
  • die Abschaffung der gängigen Praxis seitens der Aufsichtsbehörden, in den Industriedossiers vorgenommene Sicherheitsbewertungen zu plagiieren. Die Aufsichtsbehörden müssen eigene, unabhängige Bewertungen der Daten durchführen.

Details zu Publikation

Achieving a High Level of Protection from Pesticides in Europe: Problems with the Current Risk Assessment Procedure and Solutions.

Claire ROBINSON, Christopher J. PORTIER, Aleksandra ČAVOŠKI, Robin MESNAGE, Apolline ROGER, Peter CLAUSING, Paul WHALEY, Hans MUILERMAN und Angeliki LYSSIMACHOU

DOI: 10.1017/err.2020.18

European Journal of Risk Regulation, 31 Seiten, online erschienen am 16. April 2020.


Hintergrund

Die neue Publikation baut auf der Arbeit einer interdisziplinären Gruppe von Wissenschaftlern, Juristen und politischen Akteuren auf, zu denen die Autoren dieses Papiers gehören, und die im Jahr 2018 die Koalition Citizens for Science in Pesticide Regulation gründeten. Mehr als 140 NGOs unterzeichneten das Manifest der Koalition und forderten eine Reform der Risikobewertung, um sicherzustellen, dass der Einsatz von Pestiziden keine Schäden für Mensch, Tier und Umwelt verursacht.

Das neue Papier wurde zu einer Zeit veröffentlicht, in der die EU-Kommission ihre „Farm to Fork“-Strategie (F2F) als Teil des Europäischen „Grünen Deals“ vorbereitet. F2F zielt darauf ab, „ein faires, gesundes und umweltfreundliches Lebensmittelsystem zu sichern“ und soll „Maßnahmen zur deutlichen Verringerung des Einsatzes und der Risiken chemischer Pestizide“ beinhalten.

Dr. Angeliki Lyssimachou, eine der Autorinnen des neuen Publikation und wissenschaftspolitische Referentin beim Pestizid-Aktionsnetzwerk Europa, sagte: „Eine Risikoreduzierung kann nicht stattfinden, wenn die Risikobewertung nicht ordnungsgemäß durchgeführt wird. Einige Pestizide, die das Genehmigungsverfahren durchliefen, sollten überhaupt nicht auf dem Markt sein, da sie giftig sind. Die Regulierungsbehörden müssen sicherstellen, dass während des gesamten Bewertungsverfahrens die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse und objektive Bewertungsmethoden angewandt werden“.

Neben dem F2F wird die EU-Kommission auch ihre längst überfällige REFIT-Bewertung der EU-Pestizidgesetzgebung veröffentlichen, in der beurteilt wird, „ob die Vorschriften den Bedürfnissen der Bürger, Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen auf effiziente Weise gerecht werden“, und in der Empfehlungen für künftige Maßnahmen ausgesprochen werden. Es wurden Bedenken geäußert, dass sich REFIT darauf zu konzentrieren scheint, die EU-Vorschriften für die Industrie „besser“ zu machen, und dass die Pestizidvorschriften dadurch absichtlich geschwächt werden.

Die Veröffentlichung  sowohl von F2F als auch des REFIT der Pestizid-Verordnung verzögern sich aufgrund der COVID-19-Krise, wobei der Bauernverband COPA-COGECA Lobbyarbeit dafür geleistet hat, dass die Veröffentlichung bis zum Herbst verschoben oder sogar zunächst nur eine Folgenabschätzung durchgeführt werden soll.

Doch Claire Robinson, Redakteurin bei GMWatch und Erstautorin der neuen Publikation, entgegnet: „COVID-19 hat uns gezeigt, dass die menschliche Gesundheit im Vordergrund stehen muss und dass eine nachhaltige Nahrungsmittelproduktion von entscheidender Bedeutung ist. Wir können uns keine weiteren Verzögerungen bei der Umsetzung eines gesunden, nachhaltigen und widerstandsfähigen Ernährungssystems leisten“.

Zitate der Ko-Autoren

Dr. Peter Clausing, Toxikologe beim Pestizid-Aktions-Netzwerk Deutschland: „Der ‚weight-of-evidence‘-Ansatz ist ein wichtiges Konzept, um wissenschaftliche Daten zu konsolidieren. Unsere Veröffentlichung zeigt, dass es erheblichen Spielraum für Verbesserungen in der Art und Weise gibt, wie die europäischen Behörden dieses Konzept bei der Risikobewertung von Pestiziden anwenden“.

Dr. Apolline Roger, Rechtsexpertin bei ClientEarth, Brüssel: „Die Pestizid-Verordnung hat großartige Elemente. In den meisten Fällen ist es nicht das Gesetz, das reformiert werden muss, sondern die Art und Weise, wie es umgesetzt wird. Wir gehen mit unseren Empfehlungen detailliert auf die notwendigen Reformen ein“.

Prof. Christopher Portier, Wissenschaftler beim Environmental Defense Fund, U.S.A. und ehemaliger Direktor des U.S. National Center for Environmental Health: „Wissenschaftliche Strenge und vollständige Transparenz sind entscheidend, sowohl für die Bewertung der Daten, die bei der Entscheidungsfindung im Regulierungsbereich verwendet werden, als auch für das Vertrauen, das die Öffentlichkeit diesen Bewertungen entgegenbringt. Diese Publikation empfiehlt Verbesserungen, die beides stärken werden“.

Paul Whaley, Dozent an der Universität Lancaster in Großbritannien, der sich auf neuartige Methoden zur Bewertung von Gesundheitsrisiken durch chemische Exposition spezialisiert hat: „Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit ist eine weltweit führende Agentur, wenn es darum geht, Reformen vorzuschlagen, wie wissenschaftliche Forschung bei der Risikobewertung von Pestiziden eingesetzt wird, insbesondere bei der Anwendung von Methoden des Systematic Review, um Belege für potenzielle Gesundheitsrisiken zu analysieren. Das Problem ist, dass diese Reformen zu langsam und zu ungleichmäßig umgesetzt werden, so dass zu viele Chemikalien mit Methoden bewertet werden, die veraltet und undurchsichtig sind und dadurch zu unzuverlässigen Ergebnissen führen.

Professor Aleksandra Čavoški, Universität Birmingham: „Die EFSA hat erhebliche Fortschritte bei der Verbesserung ihrer Unabhängigkeit gemacht, mit dem Ziel einen „Drehtüreffekt“ zu verhindern. Doch die Politik der EFSA genügt nicht, um Interessenskonflikte zu verhindern, die sich aus der Bereitstellung von Forschungsgeldern ergeben können“.




New academic paper condemns pesticide risk assessment practices ahead of Farm to Fork Strategy and REFIT

„Green recovery“ from COVID-19 crisis demands healthy and sustainable food system

Press release from Pesticide Action Network (PAN) Europe, Brussels, Belgium, 20 April 2020.

Contact in the first instance:
Dr Angeliki Lyssimachou, PAN Europe +32 496392930; angeliki@pan-europe.info

A new peer-reviewed paper authored by a group of experts in law, policy, and toxicology has identified systemic failings in Europe’s pesticide risk assessment process.

The experts have proposed a comprehensive agenda for far-reaching reform after their paper outlined how these failings could seriously undermine ambitions for sustainable agriculture and a “green recovery” from the COVID-19 pandemic.

Calls for such a “green recovery” have arisen from 13 European climate and environment ministers, from 180 policy makers, business leaders, researchers and non-governmental organisations (NGOs), and from WWF. On 16 April, Frans Timmermans, executive vice-president of the European Commission in charge of the European Green Deal, added his voice, demanding an end to old, polluting models of production and a shift to a “circular, sustainable and highly competitive economy”.

These thought leaders agree that business as usual is not an option.

Regulatory failings

According to the new paper, published in the European Journal of Risk Regulation, Europe is consistently failing to implement and enforce its own regulations on pesticides. While the EU’s pesticides Regulation 1107/2009 is, in theory, one of the most stringent in the world, it has yet to achieve its aim of “an independent, objective and transparent assessment of pesticides and achieve a high level of protection for health and environment”. The paper presents a series of recommendations to resolve these problems.

Focusing on glyphosate as a case study of scientific and regulatory controversy, the paper highlights:

  • Widespread misuse and misinterpretation of scientific research, with cherry-picking of favorable studies, plagiarism and uncritical repetition of findings presented as independent validation, and misuse of statistical and analytical tools
  • Ongoing failure to address mixture effects, including of additives which, even though they can change the toxicity profile of the active ingredient, are not part of the pesticide approval process
  • Failure to properly address conflicts of interest within regulatory agencies, undermining the independence and objectivity of pesticide assessments.

As a result of these failings, multiple pesticides are passing through the regulatory process and being authorized in spite of their potential to harm human and animal health and the environment.

Proposed solutions

The authors find that for the most part, the law itself is not at fault. Instead, the problem lies with a failure on the part of regulatory bodies to implement or enforce the hard or „soft“ laws governing how pesticides are regulated.

The authors propose ways to improve the system, requiring changes in the way in which regulators carry out the risk assessment process, as well as in the way that current scientific knowledge and scientific analytical tools are applied.

These include:

  • Wider use of “systematic review” methods to ensure objectivity and transparency in evaluating scientific research results
  • Proper use of the “weight-of-evidence” approach to integrate different lines of evidence, so that, for example, different types of evidence indicating that a pesticide is carcinogenic are not evaluated and dismissed separately but are considered together in an integrated fashion
  • Evaluating the toxicity of pesticide formulations as sold and used rather than just the isolated “active” ingredients that are tested and assessed for safety in regulatory purposes – since the formulations can be far more toxic

Details of the new paper

Achieving a High Level of Protection from Pesticides in Europe: Problems with the Current Risk Assessment Procedure and Solutions

Claire ROBINSON, Christopher J. PORTIER, Aleksandra ČAVOŠKI, Robin MESNAGE, Apolline ROGER, Peter CLAUSING, Paul WHALEY, Hans MUILERMAN and Angeliki LYSSIMACHOU

DOI: European Journal of Risk Regulation, 16 April 2020

The new paper is published as the EU Commission prepares to publish its Farm to Fork (F2F) Strategy as part of the European Green Deal. F2F aims to „secure a fair, healthy and environmentally friendly food system“ and will include „measures to significantly reduce the use and risk of chemical pesticides“.

As well as the F2F, the Commission will publish its long overdue REFIT evaluation of the EU pesticide legislation assessing “if the regulations meet the needs of citizens, businesses and public institutions in an efficient manner“ and giving recommendations on future actions. Concerns have been raised that REFIT appears to be focused on making EU regulations „better“ for industry and that the pesticides regulations will be deliberately weakened as a result.

The publication of F2F as well as the REFIT of the pesticide Regulation has been postponed due to the COVID-19 crisis, and the farmers‘ association COPA-COGECA has lobbied for the publication to be delayed until autumn – or for an impact assessment to be carried out first.

But Claire Robinson, editor at GMWatch and first author of the new paper commented, „COVID-19 has shown us that human health must be the priority and that sustainable food production is crucial. We cannot afford more delays in implementing a healthy, sustainable, and resilient food system.“

This call is backed by an open letter signed by 40 NGOs, asking the Commission not to further delay the F2F publication and “to show that it is actively steering the EU towards a greener future, of which sustainable and resilient food systems are an essential part”.

 

Quotes from the authors

Dr Apolline Roger, Law and Policy Advisor, ClientEarth, Brussels, Belgium, said: „The pesticides Regulation has great elements. For the most part, it is not the law that needs to be reformed, but the way it is implemented. We detail the reforms that are needed in our recommendations.“

Prof Christopher Portier, Senior Contributing Scientist, Environmental Defense Fund, and former Director, US National Center for Environmental Health, USA, said: “Scientific rigour and complete transparency are critical to both the evaluation of data used in regulatory decision making and to the trust the public will have in those evaluations. This article describes improvements that will strengthen both scientific rigor and transparency.”

Paul Whaley, an academic at Lancaster University in the UK specializing in novel methods for evaluating health risks from chemical exposures, said: “The European Food Safety Authority has been a world-leading agency in proposing reforms to how scientific research is used in pesticide risk assessment, particularly in applying systematic review methods to analyze evidence of potential health risks. The problem is, these reforms are being implemented too slowly and too unevenly, leaving too many chemicals being assessed with methods which are obsolete, opaque, and produce unreliable results.”

Dr Peter Clausing, toxicologist at the Pesticide Action Network Germany, said: „The ‚weight-of-evidence‘ approach is an important concept to consolidate scientific data. Our paper shows that there is considerable room for improvement in the way the European authorities make use of this concept during risk assessment of pesticides.“

Professor Aleksandra Čavoški, University of Birmingham, said: “EFSA has made significant strides in improving its independence policy with the aim of preventing the revolving door effect. However, EFSA’s independence policy does not go far enough to prevent conflicts of interest that may result from the provision of research funding.”

 

 




Tier- und Umweltschutzverbände appellieren an Agrarausschuss: „Setzen Sie sich gegen rechtswidrigen Verordnungsentwurf ein!“

Rechtliche Vorgaben zur Haltung von Muttersauen seit 28 Jahren ignoriert

Agrarausschuss des Bundesrates berät über die Fortsetzung der rechtswidrigen Haltungsform des Kastenstandes in der Schweinehaltung

Hamburg, 23.01.2019. Gemeinsame Pressemitteilung. Ein breites Bündnis aus über 20 Tier- und Umweltschutzverbänden fordert die Mitglieder des Agrarausschusses des Bundesrates auf, die Änderung der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung (TierSchNutztV) zurückzuweisen und sich nicht an der Legalisierung tierquälerischer Haltungsbedingungen zu beteiligen und damit eine Verletzung des Staatsziels Tierschutz in Kauf zu nehmen, um rein ökonomische Interessen über den Schutz und das Wohlbefinden der Tiere zu stellen. Die Empfehlung des Ausschusses wird Grundlage für die finale Entscheidung der Bundesländer zum Verordnungsentwurf am 14. Februar im Bundesrat sein.

Nutztiere werden auf engstem Raum gehalten, weil in der Lebensmittelproduktion allein die Kostenminimierung zählt. Die konventionellen Haltungspraktiken werden den natürlichen Ansprüchen der Tiere nur unzureichend gerecht. Vielfach müssen Medikamente wie Antibiotika eingesetzt werden, um Defizite in der Haltung und im Management auszugleichen. „Der unkritische Einsatz von Tierarzneimittel birgt außerdem die Gefahr, Böden und Gewässer zu belasten und andere Lebewesen und Ökosysteme zu schädigen. Eine vorsorgliche Erhaltung der Tiergesundheit durch tiergerechte Haltungsbedingungen kommt also nicht nur der Verpflichtung des Tierwohls zu Gute, sondern führt außerdem zu einer Entlastung der Umwelt durch eine verantwortungsvolle Reduktion des Bedarfs an Tierarzneimitteln“, sagt Tamara Gripp, Referentin für Landwirtschaft und Umwelt von PAN Germany.

Bereits zum 30.05.1988 wurden rechtliche Anforderungen seitens des Gesetzgebers zur Haltung von Sauen geschaffen, die auch nach einer eingeräumten Übergangsfrist bis zum 31.12.1991 nicht durch die Sauenhalter eingehalten und durch die Kontrollbehörden flächendeckend ignoriert wurden. Durch das sogenannte „Kastenstandurteil“ des Bundesverwaltungsgerichtes (BVerwG) vom 08.11.2016 – 3 B 11/16 – wurde diese Rechtsverletzung höchstrichterlich bemängelt.

Kastenstände müssen derzeit so ausgestaltet sein, dass jedes Schwein – wie in der TierSchNutztV vorgeschrieben – ungehindert in Seitenlage die Gliedmaßen ausstrecken kann. Das Ausstrecken der Gliedmaßen in Seitenlage ist eine wesentliche Haltungsvoraussetzung, da Schweine nur in dieser Position in die Tiefschlafphase gelangen. Dies kann, so die Richter am BVerwG, nur sichergestellt werden, wenn die Breite des Kastenstandes der Widerristhöhe des Schweines entspricht oder es seine Gliedmaßen ohne Behinderung in die benachbarten leeren Kastenstände ausstrecken kann.

Statt nun eine tragbare Tierhaltung ohne Kastenstand umzusetzen, missachtet der Bundesgesetzgeber ein höchstrichterliches Urteil und beabsichtigt nun mit der anstehenden Änderung der TierSchNutztV, die Anforderung des „Ausstreckens der Gliedmaßen in Seitenlage“ zu streichen und den seit 01.01.1992 widerrechtlich bestehenden Kastenständen Übergangsfristen von weiteren 15 und mehr Jahren einzuräumen.

Diese beabsichtigte Änderung hat einen rein monetären Ansatz, ohne sich mit den tatsächlichen Bedürfnissen eines Schweines zu befassen, und stellt eine erhebliche Verschlechterung der Haltungssituation für die Sauen dar. Die wirtschaftlichen Interessen des Tierhalters finden nach der aktuellen Rechtsprechung des BVerwG ggf. dort ihre Grenzen, wo Belange des Tierschutzes betroffen sind (vgl. BVerwG, Urt. v. 13.06.2019 – 3 C 28/16 – Rn. 18).

Durch diese Änderung sollen die widerrechtlich genehmigten Kastenstände legalisiert werden. Dies verstößt jedoch eklatant gegen das Staatsziel Tierschutz aus Art. 20a GG und das damit verbundene Verschlechterungsverbot sowie gegen die verhaltensgerechte Unterbringung von Tieren gemäß § 2 Nr. 1 TierSchG.

Wie bereits in mehreren Stellungnahmen ausgeführt, ist nicht nur die vorgesehene Änderung der TierSchNutztV zum Kastenstand aus Tierschutzsicht völlig unzureichend. Vielmehr entspricht die Haltung von Sauen in Kastenständen grundsätzlich nicht den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Verhaltensbiologie und ist somit als Ganzes als verfassungs- und tierschutzrechtswidrig einzustufen.

 

Zusammenschluss Tier- und Umweltschutzverbände

Kontakte:




A victory for future generations – European governments ban brain-harming pesticides chlorpyrifos and chlorpyrifos-methyl

6 December 2019, Brussels. Common press release. Representatives from the European Member States in the EU Committee on Plants, Animals, Food and Feed (SCOPAFF) today voted to ban the neurotoxic pesticides chlorpyrifos and chlorpyrifos-methyl from the EU market, a historic move that has been applauded by health and environment groups [1].

Genon K. Jensen, Executive Director of the Health and Environment Alliance (HEAL), said: “The ban of both forms of chlorpyrifos is a major win for the healthy development of today’s children and future generations. While we can’t take away the decades of exposure to these substances and the associated neurodevelopmental impacts, the new Commission can make sure this doesn’t continue to happen with other substances by committing to decreasing Europe’s dependency on pesticides and addressing remaining loopholes in evaluation processes.”

Angeliki Lyssimachou, Science Policy Officer at Pesticide Action Network Europe, said: “Today, we congratulate the Commission and Member States for putting human health, particularly that of our children, above industry interests and private profit. It took an overwhelming amount of evidence – showing that chlorpyrifos insecticides may cause brain toxicity in children – for the European Commission to propose a ban; Member States voting against it would had left European citizens in complete despair.”

Nabil Berbour, Campaign Manager at SumOfUs, said: This is a major win for the health of European citizens who are more and more concerned by dangerous pesticides they find on their plates. We hope EU decision-makers take note of this huge concern and will go above and beyond to reduce the EU’s dependency on toxic pesticides. The EU is the largest single market in the world and the most powerful trading power, so we hope this ban will pave the way to other bans elsewhere in the world. SumOfUs members will continue to fight for this.

In two recent statements, the European Food Safety Agency (EFSA) concluded that chlorpyrifos and chlorpyrifos-methyl have no possible safety limit and do not meet the human health criteria for renewal on the European market [2]. The EFSA statements rightfully triggered the European Commission to propose a non-renewal for both substances in which they classify the pesticides as potentially damaging for unborn children [3].

Simultaneously over 220,548 citizens backed a campaign calling on EU governments to ban chlorpyrifos in all its forms, launched by SumOfUs, the Health and Environment Alliance (HEAL), Pesticide Action Network (PAN) Europe, Générations Futures, Ecologistas en Acción, and PAN Germany [4].

Background:

Chlorpyrifos is among the most commonly used pesticides in Europe and its residues are often present in fruits, vegetables, cereals and dairy products, as well as drinking water. Exposure to chlorpyrifos, even in small doses, is dangerous and has been linked to neurodevelopmental disorders in children such as increased risk of autism, working memory loss, ADHD and decreased IQ. Children are especially at risk because their brains are still developing. Many studies point at chlorpyrifos as an endocrine disruptor chemical (EDC), while it has also been associated with metabolic disturbances, breast and lung cancers, and male infertility [5]. Exposure to chlorpyrifos has been shown to cause damage to DNA.

Although less documented, the chemical chlorpyrifos-methyl is very similar in structure to chlorpyrifos and like its sibling, it has potential to damage DNA. Furthermore, both forms of chlorpyrifos share the same epidemiological evidence for neurodevelopmental toxicity.

Contacts:

Natacha Cingotti, Senior Health and Chemicals Policy Officer at the Health and Environment Alliance (HEAL), natacha@env-health.org, +32 (0) 492 94 88 98

Angeliki Lyssimachou, Science Policy Officer at Pesticide Action Network Europe, angeliki@pan-europe.org, +32 496 39 29 30

Nabil Berbour, Campaign Manager at SumOfUs, nabil@sumofus.org, +33 (0)7 56 82 06 55

Notes to editor:

[1] Today, at the meeting of the Standing Committee on Plants, Animals, Food and Feed (PAFF Committee), Member States representatives voted on two draft Implementing Regulations proposing to not renew the approvals of chlorpyrifos and chlorpyrifos-methyl. For both substances, a qualified majority was reached.

[2] EFSA, “Chlorpyrifos: assessment identifies human health effects”, 2nd August 2019 http://www.efsa.europa.eu/en/press/news/chlorpyrifos-assessment-identifies-human-health-effects  and related civil society reaction https://www.env-health.org/efsa-ackonwledge-chlorpyrifos-harm-2/ ;

EFSA, Updated statement on the available outcomes of the human health assessment in the context of the pesticides peer review of the active substance chlorpyrifos-methyl”, 26th November 2019, https://efsa.onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.2903/j.efsa.2019.5908

[3] Draft Commission Implementing Regulation concerning the non-renewal of the approval of the active substance chlorpyrifos and Draft Commission Implementing Regulation concerning the non-renewal of the approval of the active substance chlorpyrifos-methyl

[4] Over 220,548 citizens backed a campaign calling on EU governments to ban chlorpyrifos in all its forms, launched by SumOfUs, the Health and Environment Alliance (HEAL), Pesticide Action Network (PAN) Europe, Générations Futures, Ecologistas en Acción, and PAN Germany [5]. The petition is available in EnglishGermanSpanish and French.

[5] https://www.env-health.org/wp-content/uploads/2018/08/August-2018-HEAL-Generations-Futures-PAN-E-PAN-DE-Chlorpyrifos-Factsheet-web.pdf




Chemisch-synthetische Pestizide als Auslaufmodell?!

MISEREOR, Slow Food Deutschland, Bioland Niedersachsen/Bremen und PAN fordern Verbot hochgefährlicher Pestizide

(Aachen / Berlin / Hannover / Hamburg, 11.11.2019) Seit Jahren sind die negativen Folgen des großflächigen Einsatzes chemisch-synthetischer Pestizide in der Landwirtschaft bekannt, und dennoch: Ihre Nutzung wird weiterhin immer stärker ausgeweitet. Dass es auch anders geht, zeigen Beispiele der ökologischen Landwirtschaft in Indien und Deutschland. Zur Diskussion laden MISEREOR und Slow Food Deutschland gemeinsam mit Bioland Niedersachen/Bremen und dem Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN Germany) am Donnerstag, 14. November, von 18 bis 19.30 Uhr in das Pavillon Kulturzentrum, Lister Meile 4 in Hannover ein. Dort werden Amit Khurana (zugeschaltet vom indischen Center for Science and Environment) und weitere Expertinnen und Experten sozial und ökologisch verträglichere Wege der Landwirtschaft vorstellen.

Während in Indien in einigen Bundesstaaten das Verbot chemisch-synthetischer Pestizide geplant oder bereits umgesetzt ist, hat der Pestizideinsatz in der konventionellen Landwirtschaft eine Intensität erreicht, die unsere natürlichen Lebensgrundlagen und die Ökosysteme ernsthaft in Gefahr bringt. Das gilt sowohl für Deutschland als auch im globalen Maßstab. Weltweit werden 4,1 Millionen Tonnen Pestizide pro Jahr eingesetzt. Über den Import von beispielsweise Südfrüchten, Tee oder Soja gelangen auch solche Pestizide zu uns, die in Deutschland verboten sind.

Der großflächige Einsatz dieser Gifte ist mitverantwortlich, dass seit Jahrzehnten ein massiver Rückgang der Artenvielfalt zu beobachten ist. Pestizide lassen sich längst weltweit in großen Teilen der Böden und Gewässer nachweisen. Ihr intensiver Einsatz wird auch mit negativen Folgen für die menschliche Gesundheit in Zusammenhang gebracht. Außerdem bedeutet der Einsatz chemisch-synthetischer Pestizide für viele Bauern weltweit Abhängigkeit und Verschuldung. Durch ihren Einsatz entstehen Resistenzen, denen mit dem Einsatz von immer neuen chemisch-synthetischen Pestiziden begegnet wird.

MISEREOR, Slow Food Deutschland, Bioland Niedersachsen/Bremen und PAN Germany fordern deshalb die Bundesregierung auf, sich für ein weltweites Verbot hochgefährlicher Pestizide einzusetzen und den Export bei uns verbotener Pestizide sofort zu stoppen. Ebenso sollte die Regierung eine Ackerbaustrategie entwickeln, die den Pestizideinsatz auf ein Minimum reduziert und so Biodiversität und natürliche Ressourcen schützt.

Längst gibt es praktikable Alternativen zum chemischen Pflanzenschutz und ökologisch-verträglichere Formen der Landwirtschaft, wie der Blick auf Indien und Deutschland, zum Beispiel im ökologischen Landbau, zeigt. Und auch auf der größten Landmesse AGRITECHNICA in Hannover finden sich Aussteller, die hierzu beitragen, beispielsweise durch die Weiterentwicklung innovativer Maschinen zur mechanischen Unkrautregulierung. Doch ein Wandel in der Landwirtschaft braucht mehr als technische Lösungen. Der indische Landwirtschaftsexperte Amit Khurana spricht daher im Kulturpavillon über politische Impulse, Rahmenbedingungen und über die Umsetzung einer ökologischen, pestizidfreien Landwirtschaft.

Im Anschluss besteht die Möglichkeit, mit den Expertinnen und Experten von MISEREOR, Slow Food Deutschland, Bioland Niedersachsen/Bremen und PAN Germany bei einem fairen, ökologischen Imbiss ins Gespräch zu kommen.

 

Pressekontakte

Misereor: Jana Echterhoff, +49 241 442 116 | Mobil +49 170 2218 246, Jana.Echterhoff[at]misereor.de

PAN Germany: +49 399 19 10-25 | Mobil  +49157 315 640 17, susan.haffmans[at]pan-germany.org

Link zum Veranstaltungsflyer