Zukünftige EU-Pestizid Regeln: Abkehr von Vorsorge und Wissenschaftlichkeit

Seit gestern liegt der offizielle Entwurf der EU Kommission zum sogenannten „Food and Feed Simplification Omnibus“ vor[1]. Breite Kreise der Gesellschaft und der Wissenschaft [2] sind alarmiert. Denn mit den Vorschlägen zur Überarbeitung des geltenden Pestizidrechts werden jahrzehntelange Errungenschaften und Vereinbarungen über Bord geworfen und das zukünftige Genehmigungs-System grundlegend geändert. Entlastet werden dabei insbesondere die Hersteller chemisch-synthetischer Pestizide, denn sie werden weitestgehend ihrer Verantwortung entledigt, ihre Mittel regelmäßig auf schädliche Nebenwirkungen hin überprüfen zu müssen.

Der gestern vorgelegte Vorschlag bedeutet vor allem eins: eine erhebliche Schwächung des Gesundheits- und Umweltschutzes. Zudem untergräbt er die Mechanismen, die dafür sorgen, dass gefährliche Pestizide auch nach ihrer Genehmigung erkannt und tatsächlich vom Markt genommen werden können. Auch die Wasserversorger sind alarmiert und machen deutlich, dass die unbefristeten Genehmigungen von Pestiziden ohne turnusmäßige Überprüfungen Wasserressourcen gefährden [3]. Schon heute kontaminieren Pestizide und ihre Metaboliten Grund- und Oberflächengewässer sowie das Rohwasser, aus dem wir unser Trinkwasser gewinnen.

Mit den Änderungen durch die Europäische Kommission

  • gewährt sie die unbefristete Genehmigung für das Gros der Wirkstoffe,
  • schränkt sie die Mitgliedstaaten darin ein, die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse bei der Bewertung von Pestizidprodukten zu berücksichtigen und beschneidet die Souveränität der nationalen Behörden, eigenständig problematische Produkte zu beschränken oder vom Markt zu nehmen,
  • erleichtert sie (Notfall-)Genehmigungen für Pestizide, die nicht den Sicherheitsstandards entsprechen,
  • weitet sie für verbotene Pestizide die Übergangsfristen für den Verkauf, die Lagerung und die Verwendung auf bis zu drei Jahre aus.

Unter dem Deckmantel des Bürokratieabbaus, werden grundlegende Schutzstandards geschwächt und dauerhaft abgebaut. So wird beispielsweise der Schutz vor hormonschädlichen Pestiziden (EDCs) massiv eingeschränkt, obgleich insbesondere die Entwicklung von Kindern durch diese Stoffe gestört werden und sie ein Leben lang unter den Folgen zu leiden haben. Die hohen EDC-bedingten Gesundheitskosten sind bei der Auflistung der vermeidlichen Einsparungen durch Bürokratieeinsparungen gänzlich missachtet worden. Der Vorschlag ignoriert den Wunsch der Menschen, nach weniger Pestiziden und einem besseren Schutz vor deren Belastungen. Die EU-Kommission hat sich zum Sprachrohr und Vollzugsgehilfin der chemischen Industrie gemacht – zulasten ihrer Bevölkerung, ihres Naturerbes und der Lebensqualität zukünftiger Generationen.

Durch das beschleunigte Omnibus Verfahren, werden EU-eigene Regeln missachtet – wie die Verpflichtung, bei gesetzlichen Änderungen erst eine Folgenabschätzung zu machen (Impact Assessment), um möglichen Auswirkungen der gesetzlichen Änderungen abzuschätzen, sowie die Beteiligung der Öffentlichkeit an der Diskussion gesetzlicher Vorhaben im Rahmen sogenannter public consultations. Das Verfahren schürt zu Recht grundlegende Bedenken hinsichtlich der politischen Kohärenz und der demokratischen Legitimität. Die neuen Vorschläge missachten zudem die Ergebnisse der eigenen EU-REFIT-Bewertung der bisherigen Umsetzung des Pestizidrechts und sie ignorieren die wachsenden Erkenntnisse über die Belastung lebenswichtiger Ressourcen wie Gewässer, Trinkwasser und Nahrungsmittel.

Die Verantwortung liegt nun bei den Mitgliedern des Europaparlaments und bei den Mitgliedsstaaten, die im EU Rat entscheiden, sich gegen diesen Vorschlag zu stemmen.

Mehr dazu:

[1] EU Kommission Feed and Food simplification Omnibus

[2] Wissenschaftliches Statement zum Feed and Food Omibus

[3] DVGW Pressemitteilung 15.12.2025

PAN Europe Press Release 16.12.2025 mit Bewertung des Feed and Foos Omnibus




Gemeinsam gegen die Abschwächung von Schutzstandards im Pestizidrecht

In einem gemeinsamen offenen Brief an Bundeslandwirtschaftsminister Rainer und Bundesumweltminister Schneider fordern zehn Organisationen, darunter PAN Germany, die Minister auf, den Vorschlag des „Food and Feed Simplification Omnibus-Paket“ abzulehnen und sich für einen besseren Schutz von Umwelt und Gesundheit vor schädlichen Pestiziden einzusetzen. Gemäß des geleakten Entwurfs zum Omnibuspaket würden zentrale Schutzmechanismen des EU Pestizid-Rechts massiv geschwächt werden – mit fatalen Folgen für die Umwelt und die Gesundheit. PAN Germany berichtete.

Zu den von den Organisationen angeführten Kritikpunkten am geleakten Entwurf zählen:

  • Die Abkehr vom Vorsorgeprinzip
  • Die unbefristete Zulassung chemischer Pestizide
  • Die Abschaffung der regelmäßigen Risikoprüfung
  • Das Ignorieren neuster wissenschaftlicher Erkenntnisse zu den ungewollten Wirkungen
  • Die geplanten mehrjährigen Aufbrauchfristen für gefährliche verbotene Pestizide

Hier den offenen Brief lesen




No Pestizide Use Day

Auch an diesem 3. Dezember gedenken wir der Tragödie von Bhopal in Indien vor 41 Jahren, wo in der Nacht auf den 3. Dezember 1984 ein Tank in der Pestizidfabrik von Union Carbide explodierte. Etwa 10.000 Menschen kamen unmittelbar bei der Chemiekatastrophe ums Leben, rund 150.000 starben in den folgenden 20 Jahren. Wasser, Luft und Nahrungsmittel wurden für Jahrzehnte verseucht.[1]

Zur Erinnerung und Mahnung wurde der 3. Dezember im Jahr 1998 von PAN International zum „No Pesticide Use Day“ – dem Internationalen Tag ohne Pestizide – erklärt.

PAN hält nicht nur das Andenken an die Katastrophe aufrecht, sondern schafft Bewusstsein für die bis heute bestehenden Risiken bei der Herstellung, Anwendung und Entsorgung von chemisch-synthetischen Pestiziden weltweit. PAN Organisationen auf der ganzen Welt haben es sich zur Aufgabe gemacht, über die Pestizid-Gefahren und Risiken zu informieren und praxistaugliche, umwelt- und sozialverträgliche Alternativen in den Bereichen Pflanzenschutz und Schädlingsmanagement zu fördern und sich zusammen für eine gesunde Welt für alle einzusetzen.

Dazu zählt auch unser Engagement:

  • für ein Ende hochgefährlicher Pestizide,
  • für nicht-chemischen Pflanzenschutz, ökologische Landwirtshaft und Agrarökologie,
  • für das selbstbestimmte Wirtschaften landwirtschaftlicher Betriebe,
  • für die Wahrung von Arbeitsrechten und dem Schutz von Beschäftigten in der Landwirtschaft,
  • für eine Begrenzung des Einflusses multinationaler Pestizidkonzerne auf Gesetzgebungen und UN-Foren,
  • für ein solidarisches Miteinander von Nord- und Süd und der Abschaffung menschenrechtswidriger Doppelstandards im Pestizidhandel.

Erst gestern haben PAN Germany und PAN Europe mit der „End Toxic Trade Coalition“ ein starkes Zeihen gegen Doppelstandards im Pestizidhandel gesetzt und die EU Kommission an ihr Versprechen erinnert, endlich ein Gesetz zu verabschieden, dass den Export von in der EU verbotenen Pestiziden in die Welt unterbindet.[2]

PAN Germany erklärt sich solidarisch mit den Forderungen unserer Partner von RAP-AL in Lateinamerika, die am heutigen Tag das sofortige Verbot von hochgefährlichen Pestiziden (HHPs) fordern und klarstellen: Der Ersatz von HHPS darf nicht durch neue Chemikalien geschehen, sondern muss durch (agrar)ökologische Strategien und Praktiken erfolgen.[3]

[1] https://www.amnesty.ch/de/laender/asien-pazifik/indien/dok/2024/40-jahre-nach-dem-chemieunglueck-in-bhopal-warten-opfer-immer-noch-auf-gerechtigkeit

[2] https://pan-germany.org/pestizide/zurueck-an-den-absender/

[3] https://rap-al.org/3-de-diciembre-dia-internacional-del-no-uso-de-plaguicidas-5/




Pestizidregulierung am Abgrund

EU-Kommission plant unbefristete Pestizidzulassungen, mehr und längere Ausnahmen von Verboten – ein Schlag gegen Wissenschaft, Umwelt- und Verbraucherschutz

Mit ihrem durchgesickerten Entwurf für die zukünftige Pestizidzulassung tritt die EU Kommission den Schutz der Gesundheit ihrer Bürger*innen, der Umwelt und die Zukunft künftiger Generationen mit den Füßen. Das als „Food and Feed Simplification Omnibus“ bekannte Vorhaben mit der Unterschrift „Vereinfachung und Verschärfung der Anforderungen an die Lebens- und Futtermittelsicherheit“ verfolgt offensichtlich einen massiven Abbau von Schutzstandards.

Was sich unter den gut klingenden Worten von „Straffung und Modernisierung der Rechtsvorschriften“ versteckt, ist eine Reihe an Rückschritten. Die Handschrift der chemischen Industrie ist dabei sehr deutlich. Sollte der Entwurf ohne wesentliche Korrekturen angenommen werden, verabschiedet sich die EU von Errungenschaften, um die die Europäische Union und seine Bevölkerung weltweit beneidet werden und die über die vergangenen Jahrzehnte ein vergleichsweise hohes Schutzniveau für die Gesundheit der hier lebenden Menschen, Tiere sowie für die Umwelt sicherten.

Zentrale Mechanismen unserer bestehenden Regulierung sollen aufgeweicht oder abgeschafft werden. Was droht sind:

Unbegrenzte Genehmigung von Wirkstoffen und Zulassungen von Produkten. Die bestehende routinemäßige Überprüfung der Genehmigung nach 10 bzw. 15 Jahren unter Einbeziehung des aktuellsten wissenschaftlichen Kenntnisstands u.a. zu Gesundheits- und Umweltrisiken würde wegfallen. Dieses Sicherungssystem, mit dem erkannt werden kann, ob nicht doch erheblichere Risiken für unser Trinkwasser, für Bestäuber oder die Gesundheit unserer Kinder bestehen, würde ausgehebelt. Die Begründung ist haarsträubend: Die meisten zugelassenen Wirkstoffe hätten ja schon mindestens einen Verlängerungsprozess durchlaufen und neue Wirkstoffe würden „voraussichtlich bessere toxikologische und ökotoxikologische Eigenschaften aufweisen“. Es reicht ein Blick zurück auf mehr als 70 Jahre chemischer Pflanzenschutz und die im Zeitverlauf immer wieder erfolgten Rücknahmen von Genehmigungen, um zu sehen, wie falsch diese Argumente sind. Die unbefristete Zulassung synthetischer Pestizide steht im Widerspruch zu dem Ziel, den biologischen Pflanzenschutz zu stärken und den Einsatz biologischer Bekämpfungsmittel zu fördern. Auch das EU-Biozidrecht soll geändert werden, so dass Biozidwirkstoffe unbefristet genehmigt werden dürfen.

Des Weiteren enthält der Vorschlag Aufweichungen vom Verwendungsverbot für hormonell schädigende Pestizide. Vorgesehen ist, dass sie selbst nach Versagen der Zulassung in sogenannten Notfallsituationen jetzt bis zu fünf Jahre lang (!) weiter eingesetzt werden dürften. Zudem wurde die Begründung, was ein Notfall ist, sprachlich erweitert und unscharf formuliert, was zu einer erheblich breiteren Umdeutung einer Notfallsituation führen kann. Auch die Abverkauf- und Aufbrauchfristen von nicht mehr genehmigungsfähigen Mitteln sollen deutlich verlängert werden. So baut die EU Kommission die Anwendung nachweislich hoch problematischer Pestizide bewusst aus.

Momentan befindet sich der Entwurf der Omnibus-Verordnung für Lebensmittel und Futtermittel in der verwaltungsinternen Abstimmung innerhalb der EU-Institutionen und soll voraussichtlich am 16. Dezember von der EU-Kommission veröffentlicht werden.

Der Entwurf enthält nur wenige positive Änderungen, beispielsweise im Hinblick auf einen besseren Schutz vor Importen mit problematischen Rückständen. Insgesamt stellt der Entwurf aus Sicht von PAN Germany eine Abkehr vom Prinzip eines vorsorgenden Umwelt- und Verbraucherschutzes dar. Die deutsche Bundesregierung und das Europäische Parlament dürfen einem solchen Ausverkauf essenzieller Schutzstandards nicht zustimmen. Was wir benötigen, ist die Förderung biologischer und nicht-chemischer Verfahren im Pflanzenschutz und Schädlingsbekämpfung – hier brauchen wir Investitionen in die Zukunft für Betriebe, für weniger chemische Belastung unserer Kinder und eine lebenswerte Welt.




Veranstaltungsreihe: Chemiepolitische Mittagstalks 2025

November 2025 | Jeden Donnerstag | 12-13 Uhr | online
6.
November | 13. November | 20. November | 27. November

Programm & Anmeldung

Chemikalien sind allgegenwärtig. Die Verschmutzung durch Chemikalien und Plastik gilt inzwischen – neben dem Klimawandel und dem Verlust der biologischen Vielfalt – als die dritte große planetare Umweltkrise. Diese drei Krisen sind nicht getrennt voneinander zu betrachten: Sie bedingen, verstärken und beschleunigen sich gegenseitig. Chemisch-synthetische Pestizide tragen hierzu bei.

Da Chemikalien über Flüsse, Meeresströmungen und atmosphärische Transporte weite Strecken zurücklegen, kennen sie keine Grenzen. Ihre Regulierung darf daher nicht an nationalen Grenzen Halt machen. Wir brauchen konsequente Regeln auf allen politischen Ebenen – von der EU bis zu einem starken internationalen Chemikalienmanagement im Rahmen des Global Framework on Chemicals (GFC).

In den chemiepolitischen Mittagstalks 2025 widmen wir uns der Frage, wie Chemikalien in der Umwelt wirken, wo sie überall nachweisbar sind und welche Konsequenzen das für Mensch und Natur hat.

Wir, das sind neben dem Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN Germany), der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, European Network for Environmental Medicine, das Forum Umwelt & Entwicklung, Health and Environment Justice Support und Women Engage for a Common Future (WECF). Zusammen engagieren wir uns für einen besseren Schutz der Umwelt und Gesundheit vor Belastungen mit Chemikalien –international auf europäischer und deutscher Ebene.

Hier finden Sie ausführliche Informationen zu der Veranstaltungsreihe sowie zur Anmeldung. (Es ist möglich, nur an einzelnen Mittagstalks teilzunehmen.)

Die Themen der einzelnen Veranstaltungen:

  • Talk 1 | 6. November | 12:00-13:00 Uhr
    Belastete Böden – ein Umweltproblem unter unseren Füßen
  • Talk 2 | 13. November | 12:00-13:00 Uhr
    Verschmutztes Wasser – wie zunehmende Chemikalienverschmutzung unser Trinkwasser gefährdet
  • Talk 3 | 20. November | 12:00-13:00 Uhr
    Wenn die Luft zum Atmen belastet ist – Chemikalien und Luftverschmutzung
  • Talk 4 | 27. November | 12:00-13:00 Uhr
    Machen uns Chemikalien krank? Gesundheitsauswirkungen einer zunehmenden Chemikalienbelastung

Jetzt HIER anmelden.




Veranstaltungshinweis: PFAS-Pestizide – Bedrohung für Gesundheit und Umwelt

WANN: 30. Oktober 2025 von 10 – 12 Uhr

WO: im Konferenzzentrum der Heinrich-Böll-Stiftung, Schumannstr. 8, 10117 Berlin und per Livestream

PFAS, sogenannte Ewigkeitschemikalien, sind in vielen Alltagsprodukten enthalten (z. B. in Funktionskleidung, Pfannenbeschichtungen, Löschschaum) und reichern sich in Umwelt, Tieren und Menschen an. Über den Einsatz von PFAS-Pestiziden in der konventionellen Landwirtschaft gelangen diese Stoffe in die Umwelt, belasten Böden und Gewässer, und landen als Pestizidrückstände auf unseren Tellern. PFAS stellen eine massive Bedrohung für die Ökosysteme, unsere Gesundheit und die Nahrungskette dar.

Im Rahmen der Veranstaltung stellen der Toxikologe Dr. Peter Clausing und der Biochemiker und Buchautor Dr. Helmut Burtscher-Schaden die neue Studie „PFAS-Pestizide: Bedrohung für Gesundheit und Umwelt – Ewigkeitsgifte in unserer Nahrungskette“ vor, die die PFAS-Risiken für Umwelt und Verbraucher*innen analysiert sowie konkrete politische Handlungsoptionen aufzeigt.

Anschließend folgt eine Podiumsdiskussion mit:

  • Dr. Peter Clausing, Toxikologe, Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN Germany)
  • Dr. Helmut Burtscher-Schaden, Biochemiker und Buchautor
  • Martin Häusling, MdEP Greens/EFA, Mitglied im Agrar-, Umwelt- und Gesundheitsausschuss
  • Christine Lützkendorf, Referentin Fluorierte Treibhausgase, Deutsche Umwelthilfe

Moderation: Lena Luig, Referentin Internationale Agrarpolitik, Heinrich-Böll-Stiftung

Weitere Informationen zur Veranstaltung sowie die Möglichkeit zur Anmeldung




Deutsche Umwelthilfe klagt gegen Zulassungen von TFA-bildenden Pestiziden

Giftige Ewigkeitschemikalie im Grund- und Trinkwasser: Deutsche Umwelthilfe reicht Klagen gegen Zulassungen von TFA-bildenden Pestiziden ein

  • DUH klagt mit fachlicher Unterstützung von PAN Germany gegen Zulassungen von TFA-bildenden Pestiziden Banjo, Brodal und Luna Experience
  • TFA verschmutzt Grundwasser und gilt als fortpflanzungsgefährdend: Ewigkeitschemikalie in 78 Prozent der Grundwassermessstellen in Deutschland
  • DUH fordert von Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit die Aufhebung aller Zulassungen für TFA-bildende Pestizide

Berlin, 22.10.2025: Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat mit fachlicher Unterstützung des Pesticide Action Network (PAN) drei Klagen vor dem Verwaltungsgericht Braunschweig auf Zulassungswiderruf für die Pestizide Banjo, Brodal und Luna Experience eingereicht. Die drei Pestizidmittel bilden Trifluoressigsäure (TFA), das sich im Grund- und Trinkwasser ausbreitet. Neue Studien deuten auf erhebliche Gesundheitsrisiken durch TFA hin. Messungen der Bund-Länder-Arbeitsgemeinschaft LAWA haben bereits in 78 Prozent aller Grundwassermessstellen in Deutschland TFA nachgewiesen – teils in extrem hohen Konzentrationen. Die DUH fordert das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit auf, sämtliche Zulassungen für TFA-bildende Pestizide zu überprüfen und aufzuheben.

Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der DUH: „Mit diesen drei Musterklagen weiten wir unser Vorgehen gegen hochgiftige Pestizide aus, die für Ewigkeitschemikalien in Grund- und Trinkwasser verantwortlich sind. Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse weisen nach, wie gefährlich TFA ist. Der Schutz unserer lebenswichtigen Wasserressourcen und damit unserer Gesundheit darf nicht weiter aufgeschoben werden. Wir erhöhen deshalb den Druck und gehen rechtlich gegen die Zulassungen der TFA-bildenden Pestizide Banjo, Brodal und Luna Experience vor – für den Schutz unserer Gesundheit und der Umwelt.“

Peter Clausing, Toxikologe, PAN Germany: „TFA ist ein extrem persistentes Abbauprodukt von PFAS-Pestiziden. In den behördlich geforderten Tierversuchen wurden Missbildungen (Fehlbildungen) bei Nachkommen beobachtet, insbesondere Augenschäden, die letztendlich zur Erblindung führen. Das Pestizidrecht verlangt, solche neuen Befunde zu berücksichtigen, was im konkreten Fall zu einem Verbot der Pestizide führen muss, für die TFA als Abbauprodukt nachgewiesen ist. Zum Schutz unserer Kinder vor lebenslangen Gesundheitsschäden und zur Sicherstellung der Versorgung der Bevölkerung mit sauberem Trinkwasser fordern wir, TFA-freisetzende Pestizide umgehend vom Markt zu nehmen.“

Hintergrund:
Die in Pestizidprodukten wie Banjo, Brodal und Luna Experience enthaltenen Wirkstoffe Fluazinam, Diflufenican und Fluopyram gehören zu den per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen (PFAS) und werden als Fungizide und Herbizide unter anderem in diversen Ackerbaukulturen und teilweise im Weinbau verwendet. Das Abbauprodukt von vielen PFAS-Pestiziden ist die Chemikalie TFA. TFA (Trifluoressigsäure) ist hochbeständig, sehr mobil und überschreitet bereits heute an zahlreichen Grundwassermessstellen den für das Grundwasser geltenden Grenzwert von 0,1 μg/l deutlich. Es gibt keine praktikablen Methoden, um TFA wieder aus der Umwelt und aus dem Trinkwasser zu entfernen. Für TFA wurde eine Einstufung als reproduktionstoxisch beantragt. Tierstudien deuten auf Fehlbildungen bei Nachkommen hin. Laut EU-Pestizidverordnung muss eine Zulassung zwingend entzogen werden, wenn Hinweise auf schädliche Auswirkungen auf Umwelt oder Gesundheit vorliegen. Zuletzt hat auch die dänische Zulassungsbehörde mehr als 20 Pflanzenschutzmittel wegen TFA-Bildung vom Markt genommen.

Zum Hintergrundpapier: https://l.duh.de/p251022

Kontakt:

  • Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer DUH 0171 3649170, resch@duh.de
  • Dr. Peter Clausing, Toxikologe, Pestizid Aktions-Netzwerk e.V. (PAN Germany), 0176 43795932, peter.clausing@pan-germany.org

DUH-Newsroom:
030 2400867-20, presse@duh.de, www.duh.de




Erfolgsgeschichten – Landwirtschaft ohne Pestizide

Ein neuer Bericht von PAN Europe und Friends of the Earth Europe stellt Landwirt*innen und Kommunen vor, denen es gelungen ist, den Einsatz von Pestiziden vollständig einzustellen oder auf ein Minimum zu reduzieren. Die beeindruckende und inspirierende Arbeit dieser und vieler anderer Landwirt*innen sollte die Politik dazu ermutigen, (agrar)ökologische Praktiken zu fördern und gemeinsam mit den Betrieben den Ausstieg aus dem Einsatz schädlicher Pestizide zu ermöglichen.

In einer Zeit, in der die Europäische Kommission zunehmend darauf bedacht ist, notwendige Umwelt- und Nachhaltigkeitsziele zurückzunehmen, belegen diese Beispiele, dass die Produktion von Lebensmitteln ohne gefährliche Pestizide möglich ist und bereits in ganz Europa praktiziert wird. Spannend ist auch der ergänzende Blick des Berichts auf die pestizidfreie Pflege öffentlicher Flächen in Kommunen.

Der Bericht konzentriert sich auf sechs Landwirte und zwei Städte in ganz Europa, denen es jeweils innerhalb ihrer eigenen spezifischen Systeme gelungen ist, den Einsatz von Pestiziden deutlich zu minimieren oder vollständig einzustellen. Obwohl die Systeme unterschiedlich sind, gibt es gemeinsame Elemente: Dem Fokus auf die Wiederherstellung des Bodenlebens und die Förderung der Vielfalt und der Funktionsfähigkeit des jeweiligen Ökosystems, um die Anfälligkeit für Schädlinge aktiv zu verhindern und die allgemeine Widerstandsfähigkeit der Systeme zu erhöhen.

Der Bericht macht Hoffnung – Statt immer nur aufzuzeigen was nicht geht oder angeblich nicht geht, zeigt er, wie Pestizidverzicht in der Praxis aussehen kann. Das sind hoffnungsvolle Beiträge in einer Zeit, in der die biologische Vielfalt in alarmierendem Tempo abnimmt und chemisch-synthetische Pestizide eine der Hauptursachen dafür sind.

Der Bericht zeigt: Pestizidreduzierte und ökologisch vertretbare Anbaumethoden ermöglichen ein gesundes neben- und miteinander von biologischer Vielfalt, Gesundheit und Nahrungsmittelproduktion.

Report: Farming beyond pesticides SUCCESS STORIES FROM THE FIELD




Erheben Sie Ihre Stimme für sichere Lebensmittel und eine Natur ohne giftige Pestizide

Unsere Natur und unsere Lebensmittel sind in Gefahr.

Die Europäische Kommission will wichtige Schutzmaßnahmen für die Lebensmittelsicherheit zurücknehmen – und bittet Sie um Ihre Meinung zum sogenannten „Omnibus-Vereinfachungspaket  für die Lebensmittel- und Futtermittelsicherheit“.
Bis zum 14. Oktober 2025 können sich EU-Bürger*innen in einer Konsultation dazu äußern.

Nutzen Sie diese Chance und beteiligen Sie sich. Schreiben Sie Ihre Botschaft hier über das Formular auf der Seite von PAN Europe. Teilen Sie den Entscheidungsträgern mit, dass Sie gegen eine Lockerung und Abschwächung der Lebensmittel- und Pestizidgesetze sind.

Teilen Sie mit, dass der Schutz unserer Lebensmittel, Böden und Gewässer vor schädlichen Chemikalien notwendig ist.

Pestizidkonzerne und konservative Gesetzgeber haben bereits die dringend benötigte Verordnung zur Pestizid-Reduktion zu Fall gebracht. Jetzt will die EU-Kommission auch die Zulassung von Pestiziden erleichtern und höhere Grenzwerte für Pestizidrückstände in unseren Lebensmitteln zulassen.

Einige Entscheidungsträger bezeichnen dies als „Vereinfachung” oder „Bürokratieabbau”, obwohl es in Wahrheit nichts anderes ist, als der Abbau von Schutzmaßnahmen für sichere und saubere Lebensmittel. Was tatsächlich vereinfacht wird, ist die Art und Weise, wie aus dem Vergiften der Natur, des Wassers und der Menschen Profit gemacht werden kann.

Jetzt fragt die Europäische Kommission kurzfristig in einen sogenannten „Call for Evidence“ Unternehmen, Organisationen und Bürger*innen, ob die EU-Lebensmittelgesetze abgeschwächt werden sollten.

Es hat Jahrzehnte gedauert, gemeinsamen die geltenden Gesetze zum Schutz von Mensch und Natur zu erreichen. Lassen Sie nicht zu, dass diese stillschweigend rückgängig gemacht werden!

Bis zum 14. Oktober haben Sie Zeit, Ihre Stimme zu erheben – nutzen Sie diese Chance!

Ihr Beitrag wird auf der Website der Kommission veröffentlicht.

Das Websitetool wurde von einigen europäischen Nichtregierungsorganisationen erstellt und ist aufgrund der begrenzten Zeit nur in englischer Sprache verfügbar. Sie können Ihre Nachricht aber in Deutsch eingeben.

Das Tool ist so gestaltet, dass Sie schnell und einfach eine Nachricht schreiben oder einen Text erstellen können, um den Entscheidungsträgern mitzuteilen, dass Sie gegen eine Schwächung der Pestizidverordnungen und der Vorschriften für die Lebensmittelsicherheit sind.

 




Umwelt in Bedrängnis

Am 29. September war es wieder so weit – die Europäische Umweltbehörde EEA veröffentlichte den Umweltzustandsbericht. Der Bericht „Europe’s environment 2025“ belegt: Sieben der insgesamt 35 untersuchten Bereiche zeigen tendenzielle Verschlechterungen, darunter die Bereiche Zustand der Biodiversität, Belastungen von Ökosystemen und Klima sowie die chemische Belastung und menschliche Gesundheit. In allen diesen Bereichen spielen Pestizidbelastungen eine bedeutende Rolle.

Der Bericht sendet einen deutlichen Appell an die Politik, dass Europa seinen Kurs in Bezug auf seine grünen Ambitionen beibehalten und die im Rahmen des Europäischen Grünen Deals (EGD) vereinbarten Umwelt- und Klimamaßnahmen umsetzen muss, um seine langfristige Vision „ein gutes Leben innerhalb der Grenzen unseres Planeten“ zu verwirklichen.

Der Umweltzustandsbericht der EEA erscheint alle fünf Jahre. Er wendet sich an die Entscheidungsträger in Europa und an die breite Öffentlichkeit, um aufzuzeigen, welche Ziele beim Schutz der Umwelt, des Klimas und der Nachhaltigkeit erreicht wurden, welche Defizite noch bestehen und welche Kurskorrekturen erfolgen sollten. Der Web-Bericht besteht aus drei sich ergänzenden Teilen: dem Bericht „Europe′s environment and climate: knowledge for resilience, prosperity and sustainability“, 35 themenspezifischen Briefings sowie 38 Länderprofilen.

Bereits im Vorwort des neuen Berichts weist EEA-Direktorin Leena Ylä-Mononen darauf hin, dass vor dem Hintergrund von spürbarer Klimakrise, technologischem Umbruch, geopolitischer Fragmentierung und militärischen Konflikten, die Grundlagen der internationalen Zusammenarbeit und der inneren Stabilität auf die Probe gestellt wird. Als Folge sind zunehmend die Themen Sicherheit, Vorsorge und Wettbewerbsfähigkeit in den Vordergrund der strategischen Agenda Europas gerückt. Wenig wahrgenommen wird, wie eng jede dieser Prioritäten mit ökologischer Nachhaltigkeit verflochten ist. So ist Europa für seine wirtschaftliche Sicherheit in hohem Maße von natürlichen Ressourcen abhängig, die durch den Klimawandel und die Umweltzerstörung unmittelbar bedroht sind.

Insgesamt bescheinigt der Bericht wichtige Fortschritte bei der Eindämmung des Klimawandels, während die Fortschritte bei der Verringerung der Umweltverschmutzung und beim Übergang zur Kreislaufwirtschaft unterschiedlich zu bewerten sind. Die größten Herausforderungen sehen die Expert*innen in der Verringerung des Verlusts der biologischen Vielfalt, der Zerstörung der Ökosysteme sowie in der Anpassung an den sich beschleunigenden Klimawandel.

Aufgrund anhaltender Belastungen durch nicht nachhaltige Produktions- und Konsummuster, insbesondere im Lebensmittelsystem, nimmt die biologische Vielfalt in den terrestrischen, Süßwasser- und Meeresökosystemen Europas ab. Was die bisherigen Trends angeht, so wurde das Ziel der EU-Biodiversitätsstrategie für 2020, den Verlust der biologischen Vielfalt zu stoppen und umzukehren, nicht erreicht. Umweltverschmutzung ist nach wie vor ein großes Risiko für die biologische Vielfalt und die Lebensräume in allen Ökosystemen. Neben Mikroplastik verweist der Bericht als relevante Verschmutzungsquelle auf Nährstoffeinträge und Pestizide, die in der Landwirtschaft eingesetzt werden.

Nur 37 % der europäischen Oberflächengewässer wiesen 2021 einen guten oder hohen ökologischen Zustand auf und nur 30% zeigten einen guten chemischen Zustand. Die Verschlechterung der aquatischen Ökosysteme bedroht die Wasserresilienz Europas.

Die Landwirtschaft ist für die größte Belastung sowohl der Oberflächengewässer als auch des Grundwassers verantwortlich. Durch das Auswaschen von Düngemitteln und Pestiziden wird die Wasserqualität verschlechtert, was zu übermäßigem Algenwachstum, Sauerstoffmangel und dem Verlust von Wasserlebewesen führt. Viele europäische Gewässer sind mit Per- und Polyfluoralkylstoffen – PFAS – kontaminiert, die über den EU-Grenzwerten liegen. Hingewiesen wird auch auf neue ins Zentrum der Besorgnis und Aufmerksamkeit gerückte Schadstoffe, wie Trifluoracetat (TFA), dessen diffuse Quellen u.a. PFAS-Pestizide sind (PAN Germany berichtete).

Was Pestizide betrifft, so wurden zwischen 2013 und 2021 an 10 bis 25 % aller Oberflächengewässer-Messstellen, die der EEA gemeldet wurden, eine oder mehrere Pestizidsubstanzen in Konzentrationen nachgewiesen, die über ihrer Wirkungsschwelle lagen – dem Wert, ab dem die Auswirkungen des Pestizids als schädlich gelten.

Zudem hält die Kontamination von Lebens- und Futtermitteln mit Pestizidrückständen an. Die Europäische Lebensmittelbehörde, EFSA schätzt, dass etwa 2,2 % der untersuchten Lebensmittel Pestizidwerte aufweisen, die nicht sicher sind.

10 % der vorzeitigen Todesfälle in Europa sind auf die Belastung durch verschmutzte Luft, Wasser und Böden, Lärm und schädliche Chemikalien zurückzuführen. Ein großer Teil der EU-Bevölkerung weisen unsichere Mengen an giftigen Chemikalien in ihrem Körper auf.

Bezogen auf die in der Farm to Fork Strategie geforderte Pestizidreduktion beschreibt der Bericht eine Abnahme des Einsatzes chemischer Pestizide seit dem Basiszeitraum 2015–2017, betont aber auch, dass dieser Rückgang noch nicht zu einer Verringerung der Pestizidkonzentrationen in Oberflächengewässern und Böden geführt hat. Dies kann aus PAN-Sicht daran liegen, dass der zugrunde gelegte „Harmonized Risk Indicator“ (HRI1) völlig ungeeignet ist, die tatsächliche Minderung von Pestizidanwendungen adäquat abzubilden (s. Erklärvideo von Global 2000). Die Landwirtschaft und ihre Produktionskapazität hängen von Ökosystemen und deren Funktionsweise ab. Der aufgezeigte Verlust der biologischen Vielfalt und die Umweltzerstörung – wie der Rückgang der Bestäuber (teilweise aufgrund von Pestiziden) sowie die Bodendegradation – geben Anlass zur Sorge hinsichtlich ihrer Nachhaltigkeit, so der Bericht. Die Degradation sei vorwiegend auf bestimmte landwirtschaftliche Praktiken selbst zurückzuführen. Die Intensivierung hat zu einer Abhängigkeit von chemischen Hilfsstoffen geführt, die in die Umwelt gelangen können. Diese Praktiken führen zum Verlust von Lebensräumen und zu einem schlechten Erhaltungszustand vieler naturnaher Lebensräume in der EU.

Mit Blick auf die PAN Arbeitsziele zeigt der EEA-Zustandsbericht deutlich: Hinsichtlich des Schutzes der Umwelt vor chemischer Verschmutzung durch Pestizide, der notwendigen Pestizidreduktion und des Ausbaus agrarökologischer Anbauverfahren in der Landwirtschaft, ist noch deutlich Luft nach oben.

PAN Germany hofft, dass der Bericht nicht nur in den Umweltressorts, sondern auch von Bundeslandwirtschaftsminister Rainer und seinen Länder-Kolleg*innen aufmerksam gelesen wird und Bestrebungen zur Verschlankung und Beschleunigung der Pestizidzulassung vor dem Hintergrund des Zustands unserer Umwelt und Natur noch einmal überdacht werden. Der Umweltzustandsbericht zeigt: Wir können Erfolge erzielen, doch dazu bedarf es einer inklusiven politischen Debatte und einem politischen Willen, nachhaltigere Lösungen für die gesamte Gesellschaft und zukünftige Generationen erreichen zu wollen.