Mit Agrarökologie in die Zukunft: Politische Lösungen für die Krise in Landwirtschaft und Ernährung

Das globale Landwirtschafts- und Ernährungssystem trägt wesentlich dazu bei, die globalen Krisen unserer Zeit – Biodiversitätsverlust, Klimaerwärmung und Umweltverschmutzung – anzufeuern und gefährdet langfristig unsere Ernährungssouveränität. Böden, Gewässer, Luft und ganze Ökosysteme werden durch Agrarchemikalien belastet – mit gravierenden Folgen für Umwelt, Gesundheit und Menschenrechte.

Als PAN Germany setzen wir uns seit Jahren dafür ein, den massiven Einsatz chemisch-synthetischer Pestizide zu reduzieren, hochgefährliche Pestizide (HHPs) weltweit zu verbieten und Alternativen zu stärken. Eine dieser Alternativen zeigt besonders deutlich, wie ein gerechter und ökologisch tragfähiger Wandel gelingen kann: Agrarökologie.

Agrarökologie: Mehr als eine Anbaumethode

Agrarökologie geht weit über ökologische Landwirtschaft hinaus. Sie ist ein umfassender Ansatz, der ökologische Prinzipien mit sozialer Gerechtigkeit verbindet – und damit die Menschen in den Mittelpunkt stellt.

Agrarökologie bedeutet:

  • Handlungsmacht: Bäuer*innen und Landarbeiter*innen entscheiden selbst über ihre Produktionsweisen statt von Konzerninteressen abhängig zu sein.
  • Demokratie: Partizipative Prozesse sorgen dafür, dass Entscheidungen gemeinsam getroffen werden – mit den Menschen vor Ort, nicht über ihre Köpfe hinweg.
  • Resilienz: Durch Vielfalt, regionale Strukturen und geringere Abhängigkeiten entstehen widerstandsfähige Ernährungssysteme, die Krisen besser standhalten.
  • Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit: Klimafreundliche Bewirtschaftung geht Hand in Hand mit fairen Arbeits- und Lebensbedingungen.

Jetzt ist die Bundesregierung gefragt

Trotz der offensichtlichen Vorteile bleibt Agrarökologie in der deutschen und europäischen Politik unterfinanziert und unterrepräsentiert. Dabei ist klar: Ohne eine Transformation unserer Landwirtschafts- und Ernährungssysteme bleiben Hunger, Armut, Klimakrise, Umweltverschmutzung und Artensterben ungelöst.

Mehr als 30 zivilgesellschaftliche Organisationen, darunter PAN Germany, fordern deshalb die Bundesregierung auf:

Agrarökologie endlich konsequent zu fördern – als zentrales Instrument zur Umsetzung der Menschenrechte!

Es braucht einen politischen Kurswechsel, der Agrarökologie ins Zentrum der deutschen Entwicklungs- und Agrarpolitik stellt, Ressourcen gerecht verteilt und regionale Strukturen stärkt.

Nur so können wir ein global gerechtes, ökologisch tragfähiges und demokratisches Ernährungssystem schaffen.

Lesen Sie hier das gemeinsame Positionspapier „Mit Agrarökologie in die Zukunft – Ein Aufruf an die Bundesregierung!“




Zukünftige EU-Pestizid Regeln: Abkehr von Vorsorge und Wissenschaftlichkeit

Seit gestern liegt der offizielle Entwurf der EU Kommission zum sogenannten „Food and Feed Simplification Omnibus“ vor[1]. Breite Kreise der Gesellschaft und der Wissenschaft [2] sind alarmiert. Denn mit den Vorschlägen zur Überarbeitung des geltenden Pestizidrechts werden jahrzehntelange Errungenschaften und Vereinbarungen über Bord geworfen und das zukünftige Genehmigungs-System grundlegend geändert. Entlastet werden dabei insbesondere die Hersteller chemisch-synthetischer Pestizide, denn sie werden weitestgehend ihrer Verantwortung entledigt, ihre Mittel regelmäßig auf schädliche Nebenwirkungen hin überprüfen zu müssen.

Der gestern vorgelegte Vorschlag bedeutet vor allem eins: eine erhebliche Schwächung des Gesundheits- und Umweltschutzes. Zudem untergräbt er die Mechanismen, die dafür sorgen, dass gefährliche Pestizide auch nach ihrer Genehmigung erkannt und tatsächlich vom Markt genommen werden können. Auch die Wasserversorger sind alarmiert und machen deutlich, dass die unbefristeten Genehmigungen von Pestiziden ohne turnusmäßige Überprüfungen Wasserressourcen gefährden [3]. Schon heute kontaminieren Pestizide und ihre Metaboliten Grund- und Oberflächengewässer sowie das Rohwasser, aus dem wir unser Trinkwasser gewinnen.

Mit den Änderungen durch die Europäische Kommission

  • gewährt sie die unbefristete Genehmigung für das Gros der Wirkstoffe,
  • schränkt sie die Mitgliedstaaten darin ein, die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse bei der Bewertung von Pestizidprodukten zu berücksichtigen und beschneidet die Souveränität der nationalen Behörden, eigenständig problematische Produkte zu beschränken oder vom Markt zu nehmen,
  • erleichtert sie (Notfall-)Genehmigungen für Pestizide, die nicht den Sicherheitsstandards entsprechen,
  • weitet sie für verbotene Pestizide die Übergangsfristen für den Verkauf, die Lagerung und die Verwendung auf bis zu drei Jahre aus.

Unter dem Deckmantel des Bürokratieabbaus, werden grundlegende Schutzstandards geschwächt und dauerhaft abgebaut. So wird beispielsweise der Schutz vor hormonschädlichen Pestiziden (EDCs) massiv eingeschränkt, obgleich insbesondere die Entwicklung von Kindern durch diese Stoffe gestört werden und sie ein Leben lang unter den Folgen zu leiden haben. Die hohen EDC-bedingten Gesundheitskosten sind bei der Auflistung der vermeidlichen Einsparungen durch Bürokratieeinsparungen gänzlich missachtet worden. Der Vorschlag ignoriert den Wunsch der Menschen, nach weniger Pestiziden und einem besseren Schutz vor deren Belastungen. Die EU-Kommission hat sich zum Sprachrohr und Vollzugsgehilfin der chemischen Industrie gemacht – zulasten ihrer Bevölkerung, ihres Naturerbes und der Lebensqualität zukünftiger Generationen.

Durch das beschleunigte Omnibus Verfahren, werden EU-eigene Regeln missachtet – wie die Verpflichtung, bei gesetzlichen Änderungen erst eine Folgenabschätzung zu machen (Impact Assessment), um möglichen Auswirkungen der gesetzlichen Änderungen abzuschätzen, sowie die Beteiligung der Öffentlichkeit an der Diskussion gesetzlicher Vorhaben im Rahmen sogenannter public consultations. Das Verfahren schürt zu Recht grundlegende Bedenken hinsichtlich der politischen Kohärenz und der demokratischen Legitimität. Die neuen Vorschläge missachten zudem die Ergebnisse der eigenen EU-REFIT-Bewertung der bisherigen Umsetzung des Pestizidrechts und sie ignorieren die wachsenden Erkenntnisse über die Belastung lebenswichtiger Ressourcen wie Gewässer, Trinkwasser und Nahrungsmittel.

Die Verantwortung liegt nun bei den Mitgliedern des Europaparlaments und bei den Mitgliedsstaaten, die im EU Rat entscheiden, sich gegen diesen Vorschlag zu stemmen.

Mehr dazu:

[1] EU Kommission Feed and Food simplification Omnibus

[2] Wissenschaftliches Statement zum Feed and Food Omibus

[3] DVGW Pressemitteilung 15.12.2025

PAN Europe Press Release 16.12.2025 mit Bewertung des Feed and Foos Omnibus




Gemeinsam gegen die Abschwächung von Schutzstandards im Pestizidrecht

In einem gemeinsamen offenen Brief an Bundeslandwirtschaftsminister Rainer und Bundesumweltminister Schneider fordern zehn Organisationen, darunter PAN Germany, die Minister auf, den Vorschlag des „Food and Feed Simplification Omnibus-Paket“ abzulehnen und sich für einen besseren Schutz von Umwelt und Gesundheit vor schädlichen Pestiziden einzusetzen. Gemäß des geleakten Entwurfs zum Omnibuspaket würden zentrale Schutzmechanismen des EU Pestizid-Rechts massiv geschwächt werden – mit fatalen Folgen für die Umwelt und die Gesundheit. PAN Germany berichtete.

Zu den von den Organisationen angeführten Kritikpunkten am geleakten Entwurf zählen:

  • Die Abkehr vom Vorsorgeprinzip
  • Die unbefristete Zulassung chemischer Pestizide
  • Die Abschaffung der regelmäßigen Risikoprüfung
  • Das Ignorieren neuster wissenschaftlicher Erkenntnisse zu den ungewollten Wirkungen
  • Die geplanten mehrjährigen Aufbrauchfristen für gefährliche verbotene Pestizide

Hier den offenen Brief lesen




Agrarökologie Fallstudien: Erfolgreiche Initiativen sichtbar machen

Auch nach Abschluss der Klimakonferenz COP30 bleibt die zentrale Frage bestehen: Wie können wir unsere Agrar- und Ernährungssysteme so gestalten, dass sie widerstandsfähig, gerecht und ökologisch tragfähig sind? Die umfangreiche Fallstudienreihe von Pesticide Action Network (PAN) International zeigt eindrucksvoll, wie Agrarökologie weltweit bereits jetzt Lösungen bietet, die weit über den Rahmen internationaler Klimaverhandlungen hinausgehen.

Die vorgestellten Beispiele aus Afrika, Asien und Lateinamerika belegen, dass ökologisches, sozial eingebettetes und wissensbasiertes Wirtschaften nicht nur möglich, sondern bereits Realität ist – und dabei gleichzeitig Klimaresilienz stärkt, Böden regeneriert, Biodiversität fördert und die Abhängigkeit von hochgefährlichen Pestiziden reduziert.

 

Agrarökologie als Klimaschutzlösung

Die dokumentierten Fallstudien zeigen deutlich, dass agrarökologische Ansätze einen wirksamen Beitrag zum Klimaschutz und zur Anpassung an den Klimawandel leisten. Agrarökologie verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse mit traditionellem und lokalem Wissen und setzt auf natürliche Prozesse wie Vielfalt, Kreislaufwirtschaft und gesunde Ökosysteme.

Die positiven Beiträge der Agrarökologie sind:

  • Weniger Treibhausgasemissionen durch reduzierte Nutzung von chemisch-synthetischen Betriebsmitteln.
  • Bessere Boden- und Wassergesundheit, wodurch die Leistungsfähigkeit von Agrarsystemen erhalten bleibt und Resilienz gegenüber Dürren und Extremwetter entsteht.
  • Mehr Biodiversität – insbesondere durch die Förderung von Nützlingen wie Bestäuber.
  • Verbesserte wirtschaftliche Stabilität – da bei geringeren Betriebskosten höhere Erträge und Marktpreise erzielt werden.
  • Sozialer Zusammenhalt und Empowerment, besonders durch die aktive Beteiligung von Frauen und durch gemeinschaftliche Lernprozesse.

 

Regionale Einblicke in die Fallstudien

AFRIKA

Benin: Feldschulen als Motor des Wandels

In Benin arbeiten inzwischen tausende Landwirt*innen mit agrarökologischen Methoden, die durch „Farmer Field Schools“ (Feldschulen) eingeführt wurden. Dazu gehören Kompostierung, Fruchtwechsel, Mulchen, integrierte Schädlingsbekämpfung, Agroforstwirtschaft und der Einsatz von lokalem Saatgut.
Die Ergebnisse belegen:

  • 20 – 30 % weniger synthetische Dünger
  • bis zu 40 % weniger Vergiftungsfälle durch chemisch-synthetischen Pestizide
  • 25 % höhere Erträge in Trockenperioden
  • deutlich höhere Biodiversität und Bodenfruchtbarkeit
  • 45 – 50 % Frauenanteil in den Schulungen, mit spürbarer Stärkung ihrer wirtschaftlichen Position

 

Burkina Faso: Traditionelle Techniken treffen moderne Erkenntnisse

Heckenstreifen, Zai-Gruben, Halbmondstrukturen und lokal produzierte Biopestizide ermöglichen:

  • deutliche Ertragssteigerungen
  • bessere Regenwassernutzung
  • verbesserte Bodenstruktur und Mikroorganismen
  • weniger chemische Belastung von Menschen und Umwelt

 

Äthiopien: Ökologische Schädlingsbekämpfung rund um den Lake Ziway

Durch Feldschulen wurden Methoden wie Habitatstreifen, Nahrungssprays für Nützlinge, Neem-Extrakte und Vermikompostierung in der Region langfristig etabliert. Dadurch wurde der Einsatz hochgefährlicher Pestizide massiv reduziert:

  • 76 % weniger Pestizidspritzungen
  • 50 % weniger synthetischer Dünger
  • nur noch 5,5 % Vergiftungsfälle (statt 20 % vor Projektstart) durch chemisch-synthetischen Pestizide
  • gleichzeitig leichte Ertragssteigerungen und 9 % mehr Nettoeinkommen

 

Kenia: Gemeinschaftsbasierte Resilienz seit über 15 Jahren

Gemeinschaftliche Agrarökologie-Initiativen in Kenia zeigen, dass:

  • Ernährungssicherheit deutlich zunimmt
  • Böden sich regenerieren
  • lokale Organisationen politisch stärkere Stimmen entwickeln
  • Klimaresilienz in den Regionen steigt

 

ASIEN

Indien: Frauen führen den Transformationsprozess an

In Kerala wird die Umstellung auf agrarökologische und halb-städtische Biolandwirtschaft vor allem von Frauengruppen getragen:

  • stärkere wirtschaftliche Selbstbestimmung
  • lokale Saatgutsysteme
  • bessere Ernährungssicherheit
  • Aufbau von partizipativen Garantiesysteme (PGS) als alternative Form der Bio- bzw. Ökozertifizierung für kleine Betriebe, lokale Märkte und bäuerliche Gemeinschaften

 

LATEINAMERIKA

Argentinien & Costa Rica: Gesundheit schützen, Biodiversität wiederherstellen

Die dort dokumentierten Projekte zeigen, wie agrarökologische Alternativen zu hochgefährlichen Pestiziden erfolgreich eingesetzt werden. Sie schaffen:

  • höhere Biodiversität
  • stabile Erträge
  • deutlich bessere Gesundheitsergebnisse in den Gemeinden

 

Gemeinsame Botschaften aus allen Fallstudien

Über Regionen und Ländergrenzen hinweg betonen die beteiligten Bäuer*innen, Landarbeiter*innen und Organisationen, dass Agrarökologie nur dann ihr volles Potenzial entfalten kann, wenn:

  • staatliche Rahmenbedingungen, Programme und Investitionen sie aktiv unterstützen,
  • der Ausstieg aus hochgefährlichen Pestiziden politisch vorangetrieben wird,
  • lokale Wissenssysteme und gemeinschaftliche Entscheidungsstrukturen gestärkt werden.

 

Warum diese Fallstudien gerade jetzt wichtig sind

Die Klimaverhandlungen der COP30 blieb hinter den Erwartungen und den Notwendigkeiten angesichts der sich verschärfenden Klimakrise zurück. Zwar wurden Fortschritte erzielt, insbesondere in Bezug auf Klimaanpassung, naturbasierte Lösungen, und gerechte Transformationsprozesse, doch die Verhandlungsergebnisse zeigen deutliche Defizite in zentralen Bereichen. Es fehlt an verbindlichen Vorgaben zum Ausstieg aus fossilen Energien und zur Finanzierung. Das unterstreicht noch einmal, wie wichtig zivilgesellschaftliches Engagement, lokale Praxis und unabhängige Initiativen sind.

Genau hier setzen die in den PAN-Fallstudien dokumentierten agrarökologischen Projekte an. Sie machen deutlich:

  • Die agrarökologische Transformation ist nicht nur möglich – sie geschieht bereits.
  • Sie ist skalierbar, kulturell anpassbar und ökologisch belastbar.
  • Sie verbindet Klimaresilienz, Biodiversität, Ernährungssicherheit und soziale Gerechtigkeit.
  • Und sie zeigt Wege auf, wie konkrete Maßnahmen umgesetzt werden können – unabhängig davon, ob internationale Politik schnell genug vorangeht.

Diese Beispiele sind nicht einfach Geschichten „guter Praxis“. Sie sind lebende Beweise dafür, dass eine (agrar-)ökologische, gerechte Landwirtschaft global realisierbar ist – und bereits von tausenden Menschen weltweit gestaltet wird.

LINK zu den Agroecology Case Studies




Weniger Pestizide – Mehr Zukunft

Offener Brief an Minister Rainer mit Forderung, Pestizidreduktion umzusetzen

  • Umweltverbände kritisieren Streichung des Zukunftsprogramms Pflanzenschutz
  • Pestizidreduktion für Schutz von Gesundheit und Artenvielfalt
  • Umweltbundesamt braucht Vetorecht bei Pestizidzulassung

Berlin/Hamburg. 06.11.2025. Gemeinsame Pressemitteilung. Sechs Umweltverbände wenden sich heute mit einem offenen Brief an Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer. Sie kritisieren die Streichung des Zukunftsprogramms Pflanzenschutz und der dafür vorgesehenen 1,66 Millionen Euro und fordern den Minister auf, sich klar für eine Reduktion des Pestizideinsatzes einzusetzen. Nur so können Gesundheit und Biodiversität langfristig geschützt werden. Für Bäuerinnen und Bauern ist eine intakte Umwelt die Voraussetzung für den nachhaltigen Anbau von Lebensmitteln. Die Verbände appellieren, die Vereinbarungen der Zukunftskommission Landwirtschaft und die Vereinbarungen des Koalitionsvertrages zur Pestizidreduktion umzusetzen. Beim Zulassungsprozess muss das Umweltbundesamt weiterhin Vetorecht haben.

Olaf Bandt, BUND-Vorsitzender: „Pestizide sind eine Gefahr für Mensch und Umwelt. Sie beschleunigen den Verlust von Artenvielfalt. Noch mehr Pestizide sind keine Lösung – sie schaffen nur neue Probleme. Wirkliche Antworten liegen in Agrarökologie und ökologischem Landbau. Deshalb fordern wir Minister Rainer auf, den Pestizideinsatz deutlich zu verringern und Bäuerinnen und Bauern dabei mit Beratung und Förderung zu unterstützen.“

Anja Voß, Geschäftsführerin beim Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft stellt fest: „Pestizide stoppen nicht an Feldrändern. Über die Luft gelangen sie auch auf Bio-Flächen und richten dort Millionenschäden an, die die Bio-Branche allein schultern muss. Damit bedrohen sie nicht nur Umwelt und Gesundheit, sondern auch den rückstandsfreien Anbau – und die Wahlfreiheit der Verbraucherinnen und Verbraucher.“

Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der DUH sagt: „Das Landwirtschaftsministerium und seine Zulassungsbehörde machen sich mitschuldig an der Vergiftung unserer Umwelt. Der Landwirtschaftsminister verzögert systematisch die Reduzierung gefährlicher Pestizide wie Glyphosat, duckt sich aus der Verantwortung und ignoriert wissenschaftliche Erkenntnisse. Das Reduktionsziel für gefährliche Pestizide ist im Ministerium nur noch ein Lippenbekenntnis. Wer Programme streicht, statt zu handeln, stellt sich gegen die Zukunft – gegen gesunde Böden, sauberes Wasser und eine intakte Landwirtschaft. Wir werden den Einsatz giftiger Pestizide gerichtlich mit unseren seit 2023 gestarteten Klagen reduzieren.“

Gabriela Strobel, Vorständin von PAN Germany sagt: „Chemisch-synthetische Pestizide sind ersetzbar. Die (agrar)ökologische Landwirtschaft und die ehrgeizige Umsetzung des integrierten Pflanzenschutzes (IPM) zeigen, wie es geht und wo Unterstützung in Forschung und Praxis notwendig ist. Das Landwirtschaftsministerium muss dafür konkrete und verbindliche Pestizidreduktionsziele festlegen und Anreize schaffen. Vereinfachungen und Bürokratieabbau sind da gut, wo sie dem Allgemeinwohl und der Förderung des nicht-chemischen Pflanzenschutzes dienen. Eine Schwächung des Pestizidrechts und seiner Umwelt- und Gesundheitsstandards ist dagegen inakzeptabel und gefährdet letztlich die Menschen, die schon heute in besonderem Maße exponiert sind: Beschäftigte in der Landwirtschaft, die Landbevölkerung und Kinder.“

Fabian Holzheid, Politischer Geschäftsführer des Umweltinstitut München kommentiert: “Die Forderungen aus Industrie und Agrarlobby, das Umweltbundesamt bei der Zulassung von Pestiziden zu schwächen, sind nur die Spitze des Eisbergs: Unter dem Vorwand, Bürokratie abbauen zu wollen, werden derzeit wesentliche Errungenschaften des Umweltschutzes frontal angegriffen. Gerade in Zeiten vieler Umweltkrisen braucht es starke Behörden, die unabhängig prüfen und auf Basis hoher wissenschaftlicher Standards entscheiden. Das UBA leistet dafür unverzichtbare Arbeit und muss gestärkt und nicht entmachtet werden. Wohin ein von Lobbyinteressen getriebener Abbau von Regulierungen führt, zeigt ein Blick in die USA.”

Mehr Informationen:

Offener Brief an Landwirtschaftsminister Rainer

Pressekontakte:

  • Corinna Hölzel, BUND-Pestizidexpertin, Tel.: Tel: 0175-4487691; E-Mail: corinna.hoelzel@bund.net;
  • Susan Haffmans, Referentin für Pestizide PAN Germany, E-Mail: susan.haffmans@pan-germany.org, Tel: +49 (0)40 399 19 10-25;
  • Annette Sperrfechter, Pressesprecherin Umweltinstitut München, E-Mail: as@umweltinstitut.org, Tel.: +49(0) 89 307749-77;
  • Yvi Scholz, Pressesprecherin Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft (BEL), E-Mail: yvi.scholz@enkeltauglich.bio, Tel: +49 151 15200097



Veranstaltungsreihe: Chemiepolitische Mittagstalks 2025

November 2025 | Jeden Donnerstag | 12-13 Uhr | online
6.
November | 13. November | 20. November | 27. November

Programm & Anmeldung

Chemikalien sind allgegenwärtig. Die Verschmutzung durch Chemikalien und Plastik gilt inzwischen – neben dem Klimawandel und dem Verlust der biologischen Vielfalt – als die dritte große planetare Umweltkrise. Diese drei Krisen sind nicht getrennt voneinander zu betrachten: Sie bedingen, verstärken und beschleunigen sich gegenseitig. Chemisch-synthetische Pestizide tragen hierzu bei.

Da Chemikalien über Flüsse, Meeresströmungen und atmosphärische Transporte weite Strecken zurücklegen, kennen sie keine Grenzen. Ihre Regulierung darf daher nicht an nationalen Grenzen Halt machen. Wir brauchen konsequente Regeln auf allen politischen Ebenen – von der EU bis zu einem starken internationalen Chemikalienmanagement im Rahmen des Global Framework on Chemicals (GFC).

In den chemiepolitischen Mittagstalks 2025 widmen wir uns der Frage, wie Chemikalien in der Umwelt wirken, wo sie überall nachweisbar sind und welche Konsequenzen das für Mensch und Natur hat.

Wir, das sind neben dem Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN Germany), der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, European Network for Environmental Medicine, das Forum Umwelt & Entwicklung, Health and Environment Justice Support und Women Engage for a Common Future (WECF). Zusammen engagieren wir uns für einen besseren Schutz der Umwelt und Gesundheit vor Belastungen mit Chemikalien –international auf europäischer und deutscher Ebene.

Hier finden Sie ausführliche Informationen zu der Veranstaltungsreihe sowie zur Anmeldung. (Es ist möglich, nur an einzelnen Mittagstalks teilzunehmen.)

Die Themen der einzelnen Veranstaltungen:

  • Talk 1 | 6. November | 12:00-13:00 Uhr
    Belastete Böden – ein Umweltproblem unter unseren Füßen
  • Talk 2 | 13. November | 12:00-13:00 Uhr
    Verschmutztes Wasser – wie zunehmende Chemikalienverschmutzung unser Trinkwasser gefährdet
  • Talk 3 | 20. November | 12:00-13:00 Uhr
    Wenn die Luft zum Atmen belastet ist – Chemikalien und Luftverschmutzung
  • Talk 4 | 27. November | 12:00-13:00 Uhr
    Machen uns Chemikalien krank? Gesundheitsauswirkungen einer zunehmenden Chemikalienbelastung

Jetzt HIER anmelden.




Über 130 NGOs fordern die Durchsetzung des EU-Pestizidrechts

138 zivilgesellschaftliche Organisationen aus ganz Europa haben die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, in einem gemeinsamen offenen Brief aufgefordert, die EU-Pestizidgesetzgebung vollständig um- und durchzusetzen.

Der offene Brief folgt auf die Aufforderung der EU-Kommission zur Beteiligung an der Konsultation zum Omnibusverfahren für die Vereinfachung von Gesetzgebungen im Rahmen der Lebensmittel- und Futtermittelsicherheit. Insgesamt gingen bei dieser öffentlichen Befragung 6.440 Antworten ein, davon über 90 % von EU-Bürger*innen. [1]

Mit dem Instrument des Omnibusverfahrens sollen unter anderem Vorschriften in der EU-Pestizidlegislative vereinfacht werden, um für Pestizide den Zugang zum EU-Markt zu beschleunigen. Die unterzeichnenden Organisationen warnen diesbezüglich vor einem Abbau von Schutzstandards und heben hervor, dass das Pestizidrecht derzeit nur unzureichend umgesetzt wird: Gefährliche Pestizide verbleiben jahrelang auf dem Markt und rechtliche Schlupflöcher verzögern wichtige Risikominderungsmaßnahmen zum Nachteil von Gesundheit, Wasserqualität und biologischer Vielfalt.

Sie kritisieren konkret Vorschläge der Industrie und mancher Mitgliedstaaten im Rahmen des Vereinfachungs-Omnibus, die vorsehen, Ausnahmenregelungen für den weiteren Einsatz hochgefährlicher Pestizide auszuweiten, Übergangsfristen für verbotene Stoffe zu verlängern oder die zeitliche Befristung von Genehmigungen auszuhöhlen.[2]

Deshalb, so die Forderung der NGOs, sollte die Europäische Kommission die Pestizidgesetzgebung aufrechterhalten und im Interesse der EU-Bürger*innen die vollständige Umsetzung ihrer Bestimmungen vorantreiben. Erwartet wird von der EU-Kommission, dass sie auf die Wissenschaft hört und im öffentlichen Interesse handelt. Die Gesundheit der Menschen, der Natur und künftiger Generationen hängen davon ab, ebenso wie die Entwicklung einer widerstandsfähigen landwirtschaftlichen Produktion.

Zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse belegen die weit verbreitete Belastung durch Pestizidrückstände in Luft, Wasser, Boden, Lebensmitteln, von Wohnhäusern, Tieren und Menschen. Landwirt*innen und die ländlichen Gemeinden sind davon als erste betroffen und sehen sich einem erhöhten Risiko für Krebs und neurodegenerative Erkrankungen ausgesetzt, während die Pestizidbelastungen der Ökosysteme dazu wesentlich beitragen, dass unverzichtbare Insektenpopulationen für die Nahrungsmittelproduktion und die Biodiversität zunehmend geschädigt werden.

Die Eingaben von PAN Europe und PAN Germany zur Konsultation zeigen, dass die Umsetzung der Verordnung 1107/2009 über das Inverkehrbringen von Pestiziden und der Richtlinie 2009/128/EG über den nachhaltigen Einsatz von Pestiziden weit hinter den Zielen der Gesetze zurückbleibt [3, 4].

Zusammengefasst sollte die Kommission Lücken bei der Regulierung von Pestiziden schließen, anstatt neue zu schaffen. Die 138 den offenen Brief mitzeichnenden nationalen und europäischen Verbände vertreten eine breite Gruppe an Stakeholdern und Experten, darunter Gesundheits- und Umweltschutzorganisationen, Organisationen für den ökologischen und agroökologischen Landbau, Verbände des Wassersektors sowie Imkereiverbände.

Offener Brief „Call to strengthen implementation of EU Pesticide Law to protect health and the environment“, 27.10.2025 (PDF)

 

[1] Lebensmittel- und Futtermittelsicherheit – Omnibus-Vereinfachungspaket

[2] Urgent need for action in the area of plant protection products – Call for a swift and effective approach; Konsultationseingabe von CropLife Europe

[3] Konsultationseingabe vom Pesticide Action Network (PAN) Europe

[4] Konsultationseingabe vom Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN) Deutschland




Veranstaltungshinweis: PFAS-Pestizide – Bedrohung für Gesundheit und Umwelt

WANN: 30. Oktober 2025 von 10 – 12 Uhr

WO: im Konferenzzentrum der Heinrich-Böll-Stiftung, Schumannstr. 8, 10117 Berlin und per Livestream

PFAS, sogenannte Ewigkeitschemikalien, sind in vielen Alltagsprodukten enthalten (z. B. in Funktionskleidung, Pfannenbeschichtungen, Löschschaum) und reichern sich in Umwelt, Tieren und Menschen an. Über den Einsatz von PFAS-Pestiziden in der konventionellen Landwirtschaft gelangen diese Stoffe in die Umwelt, belasten Böden und Gewässer, und landen als Pestizidrückstände auf unseren Tellern. PFAS stellen eine massive Bedrohung für die Ökosysteme, unsere Gesundheit und die Nahrungskette dar.

Im Rahmen der Veranstaltung stellen der Toxikologe Dr. Peter Clausing und der Biochemiker und Buchautor Dr. Helmut Burtscher-Schaden die neue Studie „PFAS-Pestizide: Bedrohung für Gesundheit und Umwelt – Ewigkeitsgifte in unserer Nahrungskette“ vor, die die PFAS-Risiken für Umwelt und Verbraucher*innen analysiert sowie konkrete politische Handlungsoptionen aufzeigt.

Anschließend folgt eine Podiumsdiskussion mit:

  • Dr. Peter Clausing, Toxikologe, Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN Germany)
  • Dr. Helmut Burtscher-Schaden, Biochemiker und Buchautor
  • Martin Häusling, MdEP Greens/EFA, Mitglied im Agrar-, Umwelt- und Gesundheitsausschuss
  • Christine Lützkendorf, Referentin Fluorierte Treibhausgase, Deutsche Umwelthilfe

Moderation: Lena Luig, Referentin Internationale Agrarpolitik, Heinrich-Böll-Stiftung

Weitere Informationen zur Veranstaltung sowie die Möglichkeit zur Anmeldung




Erfolgsgeschichten – Landwirtschaft ohne Pestizide

Ein neuer Bericht von PAN Europe und Friends of the Earth Europe stellt Landwirt*innen und Kommunen vor, denen es gelungen ist, den Einsatz von Pestiziden vollständig einzustellen oder auf ein Minimum zu reduzieren. Die beeindruckende und inspirierende Arbeit dieser und vieler anderer Landwirt*innen sollte die Politik dazu ermutigen, (agrar)ökologische Praktiken zu fördern und gemeinsam mit den Betrieben den Ausstieg aus dem Einsatz schädlicher Pestizide zu ermöglichen.

In einer Zeit, in der die Europäische Kommission zunehmend darauf bedacht ist, notwendige Umwelt- und Nachhaltigkeitsziele zurückzunehmen, belegen diese Beispiele, dass die Produktion von Lebensmitteln ohne gefährliche Pestizide möglich ist und bereits in ganz Europa praktiziert wird. Spannend ist auch der ergänzende Blick des Berichts auf die pestizidfreie Pflege öffentlicher Flächen in Kommunen.

Der Bericht konzentriert sich auf sechs Landwirte und zwei Städte in ganz Europa, denen es jeweils innerhalb ihrer eigenen spezifischen Systeme gelungen ist, den Einsatz von Pestiziden deutlich zu minimieren oder vollständig einzustellen. Obwohl die Systeme unterschiedlich sind, gibt es gemeinsame Elemente: Dem Fokus auf die Wiederherstellung des Bodenlebens und die Förderung der Vielfalt und der Funktionsfähigkeit des jeweiligen Ökosystems, um die Anfälligkeit für Schädlinge aktiv zu verhindern und die allgemeine Widerstandsfähigkeit der Systeme zu erhöhen.

Der Bericht macht Hoffnung – Statt immer nur aufzuzeigen was nicht geht oder angeblich nicht geht, zeigt er, wie Pestizidverzicht in der Praxis aussehen kann. Das sind hoffnungsvolle Beiträge in einer Zeit, in der die biologische Vielfalt in alarmierendem Tempo abnimmt und chemisch-synthetische Pestizide eine der Hauptursachen dafür sind.

Der Bericht zeigt: Pestizidreduzierte und ökologisch vertretbare Anbaumethoden ermöglichen ein gesundes neben- und miteinander von biologischer Vielfalt, Gesundheit und Nahrungsmittelproduktion.

Report: Farming beyond pesticides SUCCESS STORIES FROM THE FIELD




Welternährungstag 2025: Für eine Zukunft ohne Hunger

Am 16. Oktober ist Welternährungstag – ein Tag, der uns daran erinnert: Ernährung ist mehr als Kalorien. Es geht um Menschenrechte, Gerechtigkeit und nachhaltige Lebensgrundlagen für alle. Noch immer leiden Millionen an Hunger oder Mangelversorgung.

Aus diesem Grund unterstützt PAN Germany das aktuelle Positionspapier „Welternährung 2030 – 11 Schritte für eine Zukunft ohne Hunger“ und die gemeinsamen Forderungen. Zu den Initiator*innen gehören u. a. Forum Umwelt und Entwicklung, Brot für die Welt, FIAN Deutschland, Misereor, Weltfriedensdienst und World Vision Deutschland.

Das Papier benennt 11 konkrete Schritte, um globale Ernährungssysteme neu auszurichten – darunter Menschenrechte, Agrarökologie, gerechter Zugang zu Land, Saatgutvielfalt, Klimaschutz und menschenwürdige Arbeitsbedingungen. Es analysiert die strukturellen Ursachen von Hunger, darunter Landkonzentration, Konzernmacht, Handelsungleichheit und soziale Ungleichheit. Und es richtet Forderungen an die Bundesregierung und internationale Politik, politische Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass Ernährungssouveränität, Politikbeteiligung Betroffener und nachhaltige regionale Ernährungssysteme gestärkt werden.

Gemeinsam bekennen wir uns klar zu den zentralen Forderungen:

  • Agrarökologie statt Agrobusiness: Landwirtschaft muss ökologisch und gerecht sein.
  • Menschenrechte im Zentrum: Hunger ist kein Naturphänomen, sondern politisch verursacht.
  • Faire Bedingungen & Mitbestimmung: Nur wenn Betroffene ein Mitspracherecht haben, kann Wandel gelingen.

Wir unterstützen diese Forderungen, weil wir überzeugt sind: Nur durch systemische und politisch verankerte Veränderungen – ökologisch, sozial und demokratisch – lässt sich Hunger überwinden.

Lasst uns gemeinsam dafür eintreten, dass Ernährungssouveränität und Menschenrechte im Zentrum von Entscheidungen stehen. Denn Nahrung ist ein Menschenrecht – kein Geschäftsmodell.

Aktuelles Positionspapier „Welternährung 2030 – 11 Schritte für eine Zukunft ohne Hunger“