Große Umfrage: Menschen in Europa lehnen EU-Pestizid-Omnibus ab

Hamburg/Brüssel 05. November 2026. Pressemitteilung. Eine neue YouGov-Umfrage in sieben EU-Ländern zeigt: EU-Bürger*innen lehnen zentrale Vorschläge der EU-Kommission zur Änderung des Pestizidrechts ab. Konkret geht es um den Vorschlag im sogenannten Food and Feed Safety Simplification Omnibus (kurz Omnibus X), Pestizide künftig unbefristet zu genehmigen und die bestehenden regelmäßigen Sicherheitsüberprüfungen abzuschaffen. Eine Lockerung der Vorschriften für Pestizide oder eine weitere Ausweitung ihres Einsatzes wird über alle politischen Lager hinweg mit überwältigender Mehrheit abgelehnt.

Die Zustimmung, zu der von der EU vorangetriebenen unbegrenzten Pestizidgenehmigung, liegt in keiner Wählergruppe der Europäischen Parlamentsfraktionen über 10 %: Bei Wähler*innen der EVP (Europäische Volkspartei), zu der die CDU, CSU und ÖDP gehören, sind es nur 5 %, bei denen der EKR (Europäische Konservative und Reformer) 7 %. Nur 1 bis 3 % der Befragten befürworten eine Ausweitung des Pestizideinsatzes. Zudem sprechen sich die Befragten mehrheitlich dafür aus, dass Pestizidhersteller für pestizidbedingte Schäden aufkommen sollen.

Die Umfrage wurde in Deutschland, Frankreich, Irland, Italien, Polen, Rumänien und Spanien durchgeführt. Die Befragten in diesen sieben Ländern sprechen sich für einen schrittweisen Ausstieg aus dem Einsatz von Pestiziden und strengere Zulassungsvorschriften aus: 50-72 % der Befragten fordern häufigere Risikoüberprüfungen von Pestizidgenehmigungen als bisher, während 68-80 % sich für einen vollständigen Ausstieg aus der Verwendung von Pestiziden aussprechen. Die menschliche Gesundheit wird von 68-76 % der Befragten – über alle Länder und politischen Fraktionen hinweg – als oberste Priorität bei Entscheidungen über die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln angesehen, gefolgt von Gewässerschutz und biologischer Vielfalt.

Befragte in Deutschland sprachen sich zu 71 % dafür aus, dass Pestizide vollständig abgeschafft werden sollten. 72 % der Befragten in Deutschland wollen die jetzige Befristung der Genehmigung von Pestizidwirkstoffen auf 15 Jahre beibehalten oder sogar verkürzen. Auch bei den Prioritäten für die Genehmigung sind sich die Deutschen einig: Gesundheits-, Wasser- und Biodiversitätsschutz stehen ganz vorne

„Die Mehrheit der Befragten in Deutschland wollen keine unbegrenzten Pestizidgenehmigungen wie sie die EU mit Ihrem Omnibus X durchsetzen will. Sie wollen mehr Sicherheit, nicht weniger und fordern mehrheitlich, die Frequenz der regelmäßige Risikoüberprüfung zu erhöhen. Wir appellieren an alle politischen Kräfte, auf die Menschen zu hören, und den Omnibus X zu stoppen“ sagt Susan Haffmans, Referentin bei PAN Germany.

„Die Bürger*innen wollen einen vollständigen Pestizidausstieg. Sie fordern, dass öffentliche und ökologische Gesundheit Vorrang haben – und die Industrie für die von Pestiziden verursachten Schäden aufkommt. Wir appellieren an alle Abgeordneten, sich auf die Seite ihrer Wählerschaft zu stellen und den Omnibus-Entwurf abzulehnen“ folgert Dr. Angeliki Lysimachou, Head of Science and Policy bei PAN Europe.

Hintergrund Pestizid-Omnibus

Der im Dezember 2025 vorgelegte Omnibus-Entwurf der Kommission würde unbegrenzte Genehmigungen zum Standard für Pestizid-Wirkstoffe machen und die regelmäßigen Risikoüberprüfungen abschaffen, die seit dem Inkrafttreten der EU-Pestizid-Regelungen 2011 erfolgreich 54 als schädlich identifizierten Wirkstoffen die Genehmigung verwehren konnte. Durch die Omnibus X-Pläne der EU würde es wesentlich einfacher, dass hormonschädliche Wirkstoffe (endokrine Disruptoren) und Grundwasserschadstoffe im Rahmen von „Ausnahmeregelungen“ weiterhin zugelassen blieben, und verbotene Pestizide – darunter einige krebserregende Stoffe – könnten bis zu drei weitere Jahre auf dem Markt verbleiben. Die Vorschläge haben massive Bedenken hinsichtlich gesundheitlicher und ökologischer Risiken ausgelöst, darunter von Wissenschaftler*innen verschiedener Disziplinen und UN-Menschenrechtsexpert*innen.[1]

Eine Recherche konnte zudem den erheblichen Einfluss der Pestizid-Lobby auf den Omnibus aufdecken. Der Omnibus-Entwurf spiegelt nicht die Meinung der europäischen Wähler*innen wider, sondern orientiert sich an der Pestizidindustrie und stellt private Profite über die Gesundheit und den Willen der Bürger*innen. [2]

Bereits im Januar kritisierte ein Rechtsgutachten den EU-Gesetzentwurf als in Teilen rechtswidrig [3]

Hintergrund – Umfrage

Die Umfrage wurde von YouGov in sieben europäischen Ländern online unter Anwendung einer bewährten Erhebungsmethodik durchgeführt. In jedem Land richtete sich die Umfrage an 1.000 Befragte ab 18 Jahren, wobei die Stichproben so zusammengestellt wurden, dass sie landesweit repräsentativ für die erwachsene Bevölkerung sind. Die politische Zugehörigkeit der Befragten wurde anhand ihres angegebenen Wahlverhaltens bei den letzten nationalen Parlamentswahlen ermittelt. Die Ergebnisse wurden von den beteiligten Organisationen nach Zugehörigkeit der gewählten Parteien zu den Fraktionen des Europäischen Parlaments gruppiert und analysiert. Die im Text genannten Zahlen basieren auf dieser Auswertung.

Die Befragung wurde im Auftrag von PAN Europe durchgeführt in Kooperation mit seinen Mitgliedern und Partnerorganisationen der beteiligten Länder: Ecologistas en Acción (Spanien), Eco Ruralis (Rumänien), Générations Futures (Frankreich), Greenpeace Poland (Polen), the Irish Environmental Network (Irland), PAN Germany and Umweltinstitut München (Deutschland), WWF Italy and Greenpeace Italy (Italien).

Umfrage-Report: „ONE ISSUE NO DIVIDE – EU citizens across the political spectrum want stricter pesticide regulation“

 

Pressekontakte:

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Deutsch:

 

Weitere Hintergründe:

[1] Stopp den „Omnibus X“ – Gefahr für Gesundheit, Umwelt und Bauern!

[2] Food & Feed Omnibus, written by the pesticide lobby?

[3] Rechtsgutachten kritisiert EU-Gesetzentwurf: Abschaffung von Pestizid-Schutzstandards ist rechtswidrig




Stopp den „Omnibus X“ – Gefahr für Gesundheit, Umwelt und Bauern!

Mit dem sogenannten „Omnibus X“-Gesetzespaket plant die EU eine massive Schwächung der Schutzstandards im EU Pestizid-Recht – und das, obwohl UN-Expert*innen, Wissenschaftler*innen, Gesundheits- und Umweltschutzorganisationen und die Zivilgesellschaft vor den Konsequenzen warnen. Die jetzt anstehenden Abstimmungen im Europa-Parlament entscheiden über die Zukunft des Pflanzenschutzrechts und sind damit von zentraler Bedeutung für unsere Gesundheit, unser Wasser und die Artenvielfalt.

Das Pestizid-Omnibus-Paket ist in die nächste Phase eingetreten

Die Mitgliedstaaten haben sich Ende September im EU-Rat auf eine gemeinsame Position geeinigt (PAN berichtete). Darin zeigt sich, dass die breite Kritik am Omnibus X und das Engagement von uns allen zumindest an einigen Stellen Wirkung gezeigt hat: Zwar beinhaltet auch der Vorschlag des EU-Ratest erhebliche Verschlechteurngen zum Status Quo, aber immerhin begrenzt die Ratsposition die vorgeschlagene unbefristete Genehmigung auf risikoarme Stoffe. Zudem soll die wichtige Regelung zu den Rückstandshöchstmengen verbotener Pestizide in Lebensmitteln für weitere Wirkstoffe gelten.

Negativ bleibt allerdings, dass die Mehrheit der EU-Länder den Einsatz verbotener Pestizide durch Ausnahmeregelungen ausweiten, deutlich längeren Genehmigungszeiträumen für Pestizide und Biozide zustimmen, den Einsatz von Drohnen für „kontrolliertes“ Sprühen erlauben und die Aufbrauchfristen für die Verwendung verbotener Pestizide verlängern wollen. Zudem soll das Recht der Mitgliedsstaaten eingeschränkt werden, bei der Bewertung nationaler Pestizidzulassungen die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zu berücksichtigen.

Als nächstes entscheiden die Abgeordneten das Europa-Parlaments

Die Berichterstatter des konservativen und rechtsnationalen Flügels, Herbert Dorfmann (EVP, christdemokratische Fraktion) und Michele Picaro (EKR, nationalistische & konservative Fraktion) haben ihre Vorschläge dem EU-Parlament vorgelegt. Darin ist die Handschrift der Pestizidindustrie unverkennbar. Den massiven Einfluss der Pestizidindustrie auf den Gesetzesvorschlag hat CEO in seinem Report aufdeckt.

Der Schutz von Gesundheit, Wasser und Umwelt wird in dem Vorschlag von Dorfmann und Picaro noch weiter geschwächt, als es der Kommissionsentwurf vorsieht. Aus Sicht von PAN ist dies eine besorgniserregende Entwicklung. Nun verhandelt das Europäische Parlament über den Vorschlag und die rund 1.500 Änderungsanträge. Im Dezember, so der jetzige Zeitplan, erfolgt dann die Abstimmung im Europäischen Parlament.

Jeder Mensch in Europa kann seiner Sorgen teilen und der geplanten massiven Schwächung der Schutzstandards widersprechen! Dafür haben wir ein Tool bereitgestellt: Nutzen Sie das Online-Tool und schreiben Sie den Abgeordneten der EVP- und EKR-Fraktionen, die bislang den Gesetzesvorschlag unterstützen.
(Falls Sie das Tool in der Vergangenheit bereits genutzt haben, ist eine erneute einmalige Teilnahme möglich.)

👉 https://pan-germany.org/pestizide-uebersicht/petition-fuer-gesundheit-bienen-und-bauern/

Jetzt das Gesetz stoppen – für eine gesunde Zukunft!

 




UN-Experten warnen: geplante Schwächung des EU-Pestizidrechts gefährdet Menschenrechte

Mehrere UN-Menschenrechtsexpert*innen* haben „erhebliche Bedenken“ hinsichtlich des Omnibus-Pakets zur Lebens- und Futtermittelsicherheit (Omnibus X) der Europäischen Kommission geäußert. Sie warnen davor, dass die vorgeschlagenen Änderungen im Pestizid- und Biozidrecht den Schutz der menschlichen Gesundheit und der Umwelt schwächen und grundlegende Menschenrechte untergraben würden. Davon betroffen seien das Recht auf Leben, Gesundheit, angemessene Ernährung sowie eine saubere, gesunde und nachhaltige Umwelt. Beschäftigte in der Landwirtschaft, ländliche Gemeinden und Kinder, die in ländlichen Gebieten leben, gehörten laut den Menschenrechtsexpert*innen zu den am stärksten gefährdeten Gruppen. Die Warnung der fünf UN-Menschenrechts-Mandatsträger*innen sendet ein starkes Signal an das EU-Parlament und die Mitgliedsstaaten, sich für Wissenschaft, Menschenrechte und den Schutz der Bevölkerung einzusetzen.

In ihrem Schreiben vom 7. Oktober 2026 an die EU-Mitgliedstaaten, die Europäische Kommission und die Mitglieder des Europäischen Parlaments warnen die Mandatsträger*innen vor den Konsequenzen, der im Omnibus X vorgesehenen Vorschlägen. Insbesondere kritisieren sie die Einführung unbefristeter Genehmigungen für die meisten Pestizid-Wirkstoffe, die Verlängerung von Abverkaufs- und Aufbrauchfristen für aus Sicherheitsgründen eigentlich vom Markt genommenen Pestizide, das Vorhaben, Ausnahmeregelungen für gefährliche Stoffe auszuweiten und die Berücksichtigung neuester unabhängiger wissenschaftlicher Erkenntnisse einzuschränken.

Aus Sicht der UN-Expert*innen seien diese Änderungen schwer mit dem Vorsorgeprinzip und mit den Verpflichtungen zur Achtung, zum Schutz und zur Verwirklichung der Menschenrechte, einschließlich der Rechte von Bäuer*innen und anderen in ländlichen Gebieten tätigen Menschen, in Einklang zu bringen. Zudem könnten die vorgeschlagenen Maßnahmen im Widerspruch zum Verschlechterungsverbots-Grundsatz (principle of non-retrogression) im Menschenrechts- und Umweltrecht stehen. Dieser verlangt, dass bestehende Schutzniveaus nicht ohne zwingende Begründung und strenge Schutzvorkehrungen gesenkt werden dürfen.

Fehlende Folgenabschätzung

Die Expert*innen äußern grundsätzliche verfahrensrechtliche Bedenken. Sie bemängeln insbesondere das Fehlen einer ordnungsgemäßen gründlichen Folgenabschätzung zu den potenziellen Auswirkungen des Vorschlags auf Menschenrechte, öffentliche Gesundheit und Umwelt. Sie haben zudem ihre Besorgnis über die unzureichende Beteiligung Betroffener, einschließlich der Zivilgesellschaft zum Ausdruck gebracht. Sie verweisen auch auf die diesbezüglich geäußerten Bedenken von Wissenschaftler*innen aus zahlreichen europäischen Forschungseinrichtungen, Kinderrechts- und Jugendorganisationen, zivilgesellschaftlichen Organisationen, Gewerkschaften und Bauernverbänden. Das „analytical staff working document“, das anstelle einer richtigen Folgenabschätzung gemacht wurde, enthielte keine strukturierte und quantitative Bewertung, die dem Umfang der vorgeschlagenen Reformen angemessen sei und es versäume, weniger eingreifende Alternativen transparent zu vergleichen.

Besondere Sorge um Beschäftigte in der Landwirtschaft und Kinder

Die Menchenrechtsexpert*innen betonen, dass eine Schwächung der Schutzmaßnahmen in der Pestizidregulierung ohne die Förderung sicherer und nachhaltiger Landwirtschaftsmodelle die Abhängigkeit der Landwirte von gefährlichen Stoffen verstärken und sie größeren Gesundheitsrisiken aussetzen könnte“. Zudem seien Verschlechterung der Umweltbedingungen zu befürchten, mit Konsequenzen für Böden, Gewässer und Ökosysteme. Ihrer Ansicht nach wären Landwirt*innen, Landarbeiter*innen und die ländliche Bevölkerung, insbesondere Frauen und Kinder in ländlichen Gebieten, am stärksten betroffen.

Auf die besondere Gefährdung von Kindern im Zusammenhang mit chemischer Belastung befasst sich auch ein gerade erschienener Bericht der Kinderrechts NGO CRIN (Childs Rights International Network). Nach der Analyse von CRIN ließen bereits die derzeitigen EU-Chemikalienvorschriften schwerwiegende Verletzungen der Kinderrechte zu. CRIN mahnt, dass die Exposition gegenüber gefährlichen Chemikalien unter anderem das Recht der Kinder auf Gesundheit, Leben, Spiel, sauberes Wasser und körperliche Unversehrtheit verletze. Das vorgeschlagene Omnibus-Paket würde, so die Kinderrechts-Expert*innen, mehr Exposition gegenüber schädlichen Pestiziden bedeuten und insbesondere Beschäftigte in der Landwirtshaft und Kinder in ländlichen Gebieten betreffen.

Anstatt die Schutzmaßnahmen gegen schädliche Pestizide zu schwächen, sollte die EU den Schutz vor Pestiziden und Bioziden verstärken, das Vorsorgeprinzip wahren, den neuesten unabhängigen wissenschaftlichen Erkenntnissen folgen und den Übergang zu einer sicheren, nachhaltigen und (agrar)ökologischen Landwirtschaft beschleunigen.

*Das Schreiben stammt von folgenden UN Mandaten: Mandate der Arbeitsgruppe für die Rechte von Bauern und anderen in ländlichen Gebieten tätigen Menschen; des Sonderberichterstatters für das Menschenrecht auf eine saubere, gesunde und nachhaltige Umwelt; des Sonderberichterstatters für das Recht auf Nahrung; des Sonderberichterstatters für das Recht jedes Menschen auf das für ihn erreichbare Höchstmaß an körperlicher und geistiger Gesundheit sowie des Sonderberichterstatters für die menschenrechtlichen Auswirkungen einer umweltverträglichen

Bewirtschaftung und Entsorgung gefährlicher Stoffe und Abfälle

UN Statement, Brief vom 7 October 2026: https://spcommreports.ohchr.org/TMResultsBase/DownLoadPublicCommunicationFile?gId=31441

PAN Europe press release 13 October 2026: UN experts warn that plans to weaken EU pesticide law threaten human rights

CRIN Report: Current EU chemicals laws allow severe children’s rights violations. How can we stop this?

 




Menschen in der EU belastet: TFA in allen Blutproben nachgewiesen

Eine neue Studie hat die ultrakurzkettige PFAS-Trifluoressigsäure (TFA) in den Blutproben aller 110 untersuchten europäischen Personen nachgewiesen. Mit einer mittleren Konzentration von 21,22 ng/ml wurden einige der bislang höchsten beim Menschen gemessenen TFA-Konzentrationen festgestellt. [1]

PAN Europe und PAN Germany fordern ein sofortiges Verbot von PFAS-Pestiziden, die zur TFA-Belastung beitragen.

TFA ist ein kurzkettiges PFAS (per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen) und ein Abbauprodukt von PFAS, die eine -CF₃-Gruppe enthalten. Darunter fallen viele der in der EU genehmigten PFAS-Pestizide. TFA ist hoch problematisch für die Umwelt und die Gesundheit. Es ist äußerst persistent, mobil und toxisch und wurde als reproduktionstoxisch (R 1b) eingestuft mit dem Hinweis „Kann das Kind im Mutterleib schädigen. Kann vermutlich die Fruchtbarkeit beeinträchtigen“. Bestimmte Dosierungen beeinträchtigen zudem die Schilddrüsenfunktion und das Immunsystem. Dass TFA im Blut aller 110 untersuchten Personen nachgewiesen wurde, ist beunruhigend. Anders als längerkettige PFAS reichert sich TFA im menschlichen Gewebe nicht in gleicher Weise an. Aufgrund seiner hohen Mobilität und der kontinuierlichen Freisetzung in die Umwelt werden Menschen allerdings wiederholt über Wasser, Lebensmittel und andere Umweltquellen exponiert.

Weit verbreitete TFA-Belastung über Lebensmittel und Wasser

PFAS-Pestizide sind eine wichtige Quelle für TFA in unserem Wasser und unseren Lebensmitteln, da TFA als Abbauprodukt direkt in Böden, Nutzpflanzen und das Grundwasser freigesetzt wird. Derzeit sind etwa 30 PFAS-Wirkstoffe als Pestizide auf dem EU-Markt, die in Hunderten von sog. Pflanzenschutzmitteln enthalten sind. Das Gros kann zu TFA abgebaut werden. Nach der Einstufung von TFA als Reproduktionstoxisch 1b könnten und sollten nach dem geltenden EU-Pflanzenschutzrecht diese Stoffe unverzüglich verboten werden.

Die Hinweise auf eine weit verbreitete und zunehmende Belastung der Bevölkerung verdichten sich. Erst vor zwei Wochen zeigten Auswertungen von Grundwasserproben aus Österreich, dass die TFA-Konzentrationen in den vergangenen vier Jahren deutlich gestiegen sind und weiter zunehmen werden. [2] Die gemessenen Konzentrationen konnten in Zusammenhang mit dem Einsatz von PFAS-Pestiziden gebracht werden, nicht mit anderen PFAS-Quellen.

PAN Europe, PAN Germany und weitere Mitgliedsorganisationen warnen bereits seit 2023 vor dieser Entwicklung. Damals legte die EU einen Vorschlag für eine Beschränkung von PFAS vor, nahm PFAS-Pestizide jedoch aus, da man davon ausging, dass diese durch das EU-Pflanzenschutzrecht angemessen reguliert und schrittweise vom Markt genommen würden Diese Annahme ist falsch. Rückstände von PFAS-Pestiziden in Obst und Gemüse haben sich zwischen 2011 und 2021 verdreifacht – ein Beleg dafür, dass PFAS-Pestizide bislang keineswegs schrittweise aus dem Verkehr gezogen werden. [3]

Das PAN-Netzwerk hat TFA in Flüssen, Leitungswasser, Mineralwasser, Wein und Getreideprodukten nachgewiesen. [4] Tatsächlich liegen die TFA-Konzentrationen in Lebensmitteln 100-mal höher als im Wasser, wodurch Lebensmittel eine bedeutende Expositionsquelle für die allgemeine Bevölkerung darstellen.

TFA im Blut europäischer Bürger*innen

Die von den Grünen im Europäischen Parlament in Auftrag gegebene Studie untersuchte sowohl lang- als auch kurzkettige PFAS im Blut von 110 Europäer*innen. [1] Die Studie ist eine der wenigen Untersuchungen, die bislang TFA-Konzentrationen in Blutserumproben messen. Die Ergebnisse im Einzelnen:

  • Bei allen 110 untersuchten Personen wurde Trifluoressigsäure (TFA) im Blut nachgewiesen.
  • Die TFA-Konzentrationen lagen dabei vier- bis fünfmal höher als die Konzentrationen aller anderen untersuchten langkettigen PFAS.
  • Die mittlere TFA-Konzentration betrug 21,22 ng/ml.

Im Vergleich zu anderen PFAS waren die TFA-Konzentrationen im Blutserum „schwach mit PFOA korreliert“ und zeigten „wenig oder keine Korrelation mit den anderen langkettigen PFAS“. Auch dies deutet auf unterschiedliche Quellen hin.

Was haben frühere Studien ergeben?

Bislang waren direkte Messungen von TFA im menschlichen Blut nur in begrenztem Umfang verfügbar. Eine in China durchgeführte Studie untersuchte TFA im Blutserum von 252 Erwachsenen und wies die Substanz in 97 % der Proben nach. Die mittlere Konzentration lag bei 8,5 ng/ml. [5]

Eine weitere Studie aus den USA untersuchte Blutserumproben von 81 Erwachsenen. TFA wurde in 74 % der Proben nachgewiesen, mit einer mittleren Konzentration von 6 ng/L. [6] Eine separate Untersuchung von Proben von 119 Erwachsenen aus North Carolina ergab eine mittlere TFA-Konzentration von 17 ng/ml. [7]

Untersuchungen von Blutserumproben aus der norwegischen EuroMix-Kohorte belegten: TFA war das am häufigsten nachgewiesene einzelne PFAS. Bei Teilnehmenden, die das fluorierte Arzneimittel Fluoxetin nicht einnahmen, lag die mittlere TFA-Konzentration bei 6,22 ng/ml. Bei Personen, die Fluoxetin einnahmen, war der Median mit 27,7 ng/ml deutlich höher. Dies zeigt, dass auch fluorierte Arzneimittel wie Prozac zur TFA-Belastung beitragen können. [8]

Vergleich mit gesundheitsbasierten Grenzwerten für TFA

Derzeit gibt es keine gesundheitsbasierten Referenzwerte für TFA im menschlichen Blut. Die Ergebnisse weisen jedoch auf eine weit verbreitete Belastung der Bevölkerung hin. Angesichts der großen Verbreitung von TFA in unseren Lebensmitteln und unserem Wasser ist dies eigentlich kaum überraschend.

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat kürzlich eine gesundheitsbasierte zulässige tägliche Aufnahmemenge (Acceptable Daily Intake, ADI) für TFA von 0,014 mg/kg Körpergewicht festgelegt, basierend auf der Schilddrüsentoxizität. (PAN Germany berichtete) Nach einer im Bericht enthaltenen groben Schätzung würde dies zu einer mittleren TFA-Konzentration von 24 ng/ml führen. Dieser Wert liegt sehr nahe an der bei den 110 Teilnehmer:innen gemessenen mittleren Konzentration von 21,22 ng/ml (Spanne: 4,67–58,35 ng/ml).

Dieser Wert berücksichtigt nicht, dass wir gleichzeitig einer Vielzahl von PFAS ausgesetzt sind, deren toxische Wirkungen sich möglicherweise addieren.

Forderung nach einem sofortigen Verbot von PFAS-Pestiziden

Da TFA äußerst persistent ist, wird es in der Umwelt nicht abgebaut. Die Konzentrationen werden daher weiter steigen. Jeder Moment des Nichtstuns erhöht die Belastung für die Gesundheit künftiger Generationen.

Die EU ist rechtlich verpflichtet, PFAS-Pestizide zu verbieten, da diese die Anforderungen des EU-Pflanzenschutzrechts für einen weiteren Verbleib auf dem Markt nicht erfüllen. Für viele dieser Stoffe ist bereits bekannt, dass sie das Grundwasser mit TFA in Konzentrationen belasten, die deutlich über dem gesetzlichen Grenzwert von 0,01 µg/L liegen.

Im Einklang mit dem EU-Recht muss das Vorsorgeprinzip anwenden und alle PFAS-Pestizide verboten werden, die Wasserressourcen mit TFA belasten können – sowohl auf EU-Ebene als auch auf nationaler Ebene. Dies ist unerlässlich, um unsere Umwelt sowie die Gesundheit unserer Kinder und künftiger Generationen zu schützen.

Die wissenschaftliche Evidenz ist eindeutig, und die Belastung ist allgegenwärtig. PFAS-Pestizide müssen jetzt verboten werden.

 

Grundlage für diesen Beitrag ist der PAN Europe Blogbeitrag „TFA detected in every blood sample tested from 110 Europeans„ vom 1.10.2026

 

[1] PFAS levels in Europeans. An exploratory study. V.C. Lenters, PhD and Prof. M.B.M. van Duursen, PhD

[2] EU-wide call to ban PFAS pesticides after rise of TFA in Austrian groundwater | PAN Europe

[3] Toxic Harvest: Ban PFAS pesticides | PAN Europe

[4] Ban PFAS pesticides and TFA | PAN Europe

[5] Distribution of novel and legacy per-/polyfluoroalkyl substances in serum and its associations with two glycemic biomarkers among Chinese adult men and women with normal blood glucose levels – PubMed (link is external)

[6] Elevated Levels of Ultrashort- and Short-Chain Perfluoroalkyl Acids in US Homes and People | Environmental Science & Technology | ACS Publications (link is external)

[7] Historical Blood Serum Samples from Wilmington, North Carolina: The Importance of Ultrashort-Chain Per- and Polyfluoroalkyl Substances – PubMed (link is external)

[8] Extractable organofluorine (EOF) and target PFAS, including trifluoroacetic acid (TFA), in human serum from a Norwegian cohort, with a case study on the impact of fluorinated pharmaceuticals – ScienceDirect

 




Trotz Warnungen: EU-Rat stimmt Schwächung von Pestizidregeln zu

Heute haben die Vertreter*innen der EU-Mitgliedstaaten den Kompromiss der irischen Ratspräsidentschaft zum „Omnibus-Paket zur Lebens- und Futtermittelsicherheit“ (dem OmnibusX) gebilligt[1]. Sie unterstützen damit den Plan der Kommission, Pestizide weniger zu überprüfen, mehr Ausnahmen zu erlauben und die Nutzung von Pestiziden auch dann weiter zu erlauben, wenn diese eigentlich nicht mehr zugelassen sein dürften. Damit hat der Rat vor allem eines getan: den Weg geebnet, den geltenden Schutz der menschlichen Gesundheit und der Umwelt vor Pestiziden zurückzufahren.

Auch wenn die Ratsposition [2] geringfügige Verbesserungen zum Vorschlag der Kommission beinhaltet: Insgesamt billigen die Mitgliedstaaten einen gravierenden Abbau der Schutzmaßnahmen gegen Pestizide. Damit zeigen sich die Verantwortlichen in den Mitgliedsstaaten immun gegen die Warnungen aus der Wissenschaft und von medizinischen Fachgesellschaften, die vor den negativen Konsequenzen der weitreichenden Änderungen warnen. Erst am 16. September forderten mehr als 500 Wissenschaftler*innen und Mediziner*innen in einem offenen Brief, den OmnibusX auszusetzen und erst einmal eine bis dato nicht erfolgte unabhängige Folgenabschätzung  der Änderungsvorschlägeauf Gesundheit und Umwelt durchzuführen [3].

Gemäß dem Standpunkt des Rates [1] sind unbefristete Genehmigungen auf risikoarme Wirkstoffe beschränkt, im Gegensatz zum Vorschlag der Kommission, der unbefristete Genehmigungen für alle Wirkstoffe mit Ausnahme der Gefährlichsten vorsah. Allerdings werden die Genehmigungszeiträume für die meisten Wirkstoffe bei Erstzulassungen um fünf Jahre und bei Verlängerungen um zehn Jahre ausgeweitet, auf 15 bzw. 25 Jahre. In dem Vorschlag fehlen wirksame Mechanismen, die sicherstellen, dass Genehmigungen umgehend überprüft werden können, wenn neue wissenschaftliche Erkenntnisse Bedenken hinsichtlich Risiken für die menschliche Gesundheit oder die Umwelt aufkommen lassen. Der Rat hält zudem an den höchst problematischen Vorschlägen fest, die Abgabe- und Aufbrauchsfristen von ZUgelassenene Mitteln nach Entscheidungen über die Nichtgenehmigung oder Nichtverlängerung darin enthaltener Wirkstoffe auf bis zu drei Jahre zu verlängern und die Regeln für Ausnahmen zu lockern.

 

[1] EU-Rat Pressemitteilung vom 30.9.2026: Council agrees negotiating stance to simplify and streamline food and feed safety requirements – Consilium

[2] Council Position: https://data.consilium.europa.eu/doc/document/ST-13785-2026-INIT/en/pdf

[3] Offener Brief aus der Wissenschaft: European scientists sign open letter on relaxation of pesticide regulations




Fachleute für Endokrinologie warnen vor den Folgen des Pestizid-Omnibusses und fordern ein Umsteuern

Die Endocrine Society (ES), die Europäische Gesellschaft für Endokrinologie (ESE) und die Europäische Gesellschaft für pädiatrische Endokrinologie (ESPE) fordern in einem gemeinsamen Schreiben an die Mitglieder des Europäischen Parlaments, Teile des Omnibus-Pakets zur Lebens- und Futtermittelsicherheit abzulehnen. Mit dem Omnibus-Gesetzespaket soll das geltende Pestizidrecht vereinfacht werden; dies passiert nach Ansicht vieler auf Kosten des Gesundheits- und Umweltschutzes (PAN berichtete wiederholt).

Die Fachleute der drei führenden endokrinologischen Gesellschaften sind besorgt, dass die Omnibus-Vorschläge im Falle ihrer Verabschiedung den bestehenden Gesundheits- und Umweltschutz erheblich schwächen und die Exposition von Mensch und Umwelt gegenüber endokrin wirksamen Pestiziden verlängern könnten.

Eine anhaltende Exposition gegenüber endokrin wirksamen Chemikalien (EDCs) kann zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen beitragen, darunter Störungen der Fortpflanzungsfunktion, Stoffwechselstörungen, Störungen der neurologischen Entwicklung und kognitive Beeinträchtigungen sowie bestimmte hormonbedingte Krebserkrankungen.

In ihrem Schreiben vom 2. September 2026 an die Mitglieder des Europäischen Parlaments, die im AGRI-Ausschuss (Landwirtschaft) und im ENVI-Ausschuss (Öffentliche Gesundheit und Umwelt) sitzen, forderten die drei Fachgesellschaften die Ausschussmitglieder nachdrücklich auf, Teile des Omnibus-Pakets zur Lebensmittel- und Futtermittelsicherheit abzulehnen, die den Schutz vor schädlichen Chemikalien, einschließlich endokrin wirksamer Chemikalien (EDCs) schwächen können.

EDCs können in den Hormonhaushalt eingreifen und werden mit negativen Folgen wie Beeinträchtigungen der Fruchtbarkeit, Stoffwechselerkrankungen, bestimmten Krebsarten und Auswirkungen auf die neurologische Entwicklung in Verbindung gebracht. Eine Exposition ist besonders besorgniserregend während der fetalen Entwicklung, im Säuglings- und im Kindesalter, wenn Hormone wesentliche Wachstumsprozesse steuern.

Die drei Gesellschaften heben in ihrem Brief insbesondere die folgenden vorgeschlagenen Änderungen an den EU-Pestizidvorschriften als kritisch hervor: die Abschaffung der geltenden obligatorischen regelmäßigen Pestizid-Neubewertung, die Lockerung von Ausnahmeregelungen und Gewährung verlängerter Übergangsfristen, wodurch gefährliche Stoffe, darunter auch EDCs, länger auf dem Markt verbleiben sowie die Einschränkung der Berücksichtigung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse bei Zulassungsentscheidungen.

Die drei Gesellschaften fordern, dass diese rückschrittlichen gesetzgeberischen Schritte gestoppt werden.

Sie fordern die Entscheidungsträger*innen der EU nachdrücklich auf:

  • die obligatorische regelmäßige Neubewertung von Pestiziden beizubehalten;
  • Ausnahmeregelungen und unnötig verlängerte Übergangsfristen für als gefährlich eingestufte Stoffe abzulehnen; und
  • sicherzustellen, dass Regulierungs- und Zulassungsentscheidungen auf den besten verfügbaren und aktuellsten wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren.

Mitglieder der drei Fachgesellschaften – Wissenschaftler*innen, Mediziner*innen und andere Fachleute aus dem Gesundheitswesen – sind weltweit führende Expert*innen auf dem Gebiet der Endokrinologie und Gesundheitswissenschaften. Sie verfügen über umfassendes Wissen darüber, was Hormone sind, welche Funktionen sie erfüllen und wie die Gesundheit beeinträchtigt wird, wenn Chemikalien in die Hormonbiologie eingreifen.

Mehr dazu:




Deregulierung in allen Lebensbereichen – Gefahr für europäische Schutzstandards

Die Europäische Union baut gerade zentrale Schutzstandards in einem bislang beispiellosen Tempo ab. Unter dem Schlagwort der „Vereinfachung“ werden Umwelt-, Verbraucher*innen- und Menschenrechtsvorschriften massiv geschwächt. Dazu nutzt die EU sogenannte „Omnibusverfahren“. Egal ob Kosmetik, Datenschutz, Gentechnik, Chemikalien und Produktsicherheit, KI oder Pestizide – unsere Lebensbereiche sind auf vielfältige Weise von den Änderungen betroffen, und doch bekommen viele Menschen gar nicht mit, was gerade passiert. Das Briefing „Wir werden überrollt“ schafft einen Überblick und beleuchtet die Folgen der EU-Deregulierungsagenda durch die 10 Omnibusgesetze, benennt die Treiber und zeigt auf, was die Folgen für Menschen in der Europäischen Union sind.

Das Briefing “Wir werden überrollt – die europäischen Omnibusgesetze und ihre Folgen für Menschenrechte, Umweltschutz und Verbraucher*innen”, zeigt, wie tief die zehn sogenannten Omnibuspakete der Europäischen Kommission in bestehende EU-Gesetze eingreifen und weist auf die Gefahren der sich aktuell auf EU-Ebene vollziehenden Deregulierungsagenda hin. Herausgeber des Breifings ist PowerShift e.V., Mitherausgeber sind Anders Handeln Österreich, ATTAC Deutschland, ATTAC Österreich, Coordination gegen BAYER-Gefahren, die Bürokratiemonster, FIAN Deutschland, Forum Umwelt & Entwicklung, GLOBAL 2000, Kettensäge stoppen!, LobbyControl und PAN Germany.

 Zum Verständnis: Omnibusverfahren bündeln Änderungen an mehreren Gesetzen in einem einzigen Gesetzgebungsverfahren. Eigentlich sind solche Verfahren gedacht, um technische Anpassungen zu erleichtern und bestehende Rechtsvorschriften effizient zu aktualisieren. Doch die EU missbraucht das Verfahren für grundlegende Änderungen und den Abbau über Jahre hart erkämpfter Schutzstandards.

In der gemeinsamen Pressemitteilung der Organisationen erklärt Jan Pehrke von der Coordination gegen BAYER-Gefahren: „2024 hatten die Chemie-Konzerne in ihrer „Antwerpener Erklärung“ Omnibus-Gesetzespakete ‚zur Korrektur aller einschlägigen bestehenden EU-Regulierungen‘ gefordert und damit den Anstoß zu der Deregulierungsinitiative gegeben. Dementsprechend zählen BAYER & Co. zu den Hauptprofiteuren. Von einem erleichterten Umgang mit gefährlichen Chemikalien über schnellere Anlagen-Genehmigungen und weniger Auflagen bei der Umwelt-Berichterstattung bis zu auf Dauer gestellten Pestizid-Zulassungen reichen die ‚Entbürokratisierungen‘ “.

 

Mehr dazu:

Briefing “Wir werden überrollt – die europäischen Omnibusgesetze und ihre Folgen für Menschenrechte, Umweltschutz und Verbraucher*innen”

Gemeinsame Presseerklärung „Gefahr für europäische Schutzstandards – Neues Briefing beleuchtet die Folgen der EU-Deregulierungsagenda“ vom 9.7.2026

PAN Germany zum Pestizid-Omnibus




Industrie-Geschenk statt Gesundheitsschutz: Entwurf der Berichterstatter im EU-Parlament zum OmnibusX

Der am 22. Juni von Contexte veröffentlichte durchgesickerte Berichtsentwurf zum „Omnibus-Paket zur Lebens- und Futtermittelsicherheit“ (kurz: Omnibus X) zeigt, dass die für das Paket zuständigen Berichterstatter, die Europaabgeordneten Dorfmann (EVP) und Picaro (ECR), eine umfassende Deregulierung der EU-Pestizidvorschriften vorschlagen, die sogar noch deutlich über den viel kritisierten Vorschlag der Europäischen Kommission hinausgeht. Ihr Vorschlag, den sie den Abgeordneten in den Ausschüssen für Landwirtschaft und für Umwelt am 6. Juli zur Diskussion vorlegen werden, ignoriert die zunehmenden wissenschaftlichen Alarmrufe und Belege für die durch Pestizidbelastung verursachten Schädigungen. Statt durch gute gesetzliche Vorgaben zu verhindern, dass die Entwicklung von Kindern durch Pestizide gestört wird und bestehende Schutzmaßnahmen zu verstärken, setzet der Entwurf auf Schwächung des Allgemeinwohls. Die vorgeschlagenen Änderungen des bestehenden Pestizidrechts kommen dabei den Forderungen der Pestizidindustrie sehr entgegen, auf Kosten des Umwelt- und Gesundheitsschutzes Die beiden Berichterstatter aus dem politisch rechtskonservativen bzw. rechtspopulistischen Lager geben an, ausschließlich Eingaben der Industrie in ihren Vorschlag einbezogen zu haben – darunter die von CropLife, BAYER und BASF (s. Anhang im Draft Report u.a. zur Pestizid-Rahmenrichtlinie).

Der Entwurf, der Grundlage für die gemeinsame Parlamentsposition zum Omnibus X ist, würde nahezu allen Pestizidwirkstoffen eine unbefristete EU-Zulassung gewähren, wodurch rund 200 laufende Prüfungen auf Wiedergenehmigung faktisch aufgegeben würden. Gleichzeitig würden auf nationaler Ebene Pestizidprodukte unbefristete Zulassungen erhalten, wenn diese solche Wirkstoffe enthalten. Zudem sieht der Vorschlag vor, die Zulassung hochgefährlicher Stoffe – wie beispielsweise solcher, die Unfruchtbarkeit, hormonelle Störungen und andere schwerwiegende Auswirkungen verursachen – durch Ausnahmeregelungen auf der Grundlage „sozioökonomischer Erwägungen“ zu erleichtern. Der von der EVP-ECR vorgeschlagene Text verlängert zudem die Übergangsfristen zur weiteren Verwendung von Mitteln, selbst wenn diese bereits offiziell verboten wurden, und er schwächt drastisch die Befugnisse der Mitgliedstaaten, Produkte auf ihrem Staatsgebiet zu regulieren.

Aus Sicht von PAN Europe und PAN Germany stellt der von den Europaabgeordneten Dorfmann und Picaro vorgelegte Vorschlag die weitreichendste Schwächung des EU-Pestizidrechts in den letzten Jahrzehnten dar. PAN sieht in dem Vorschlag ein klares Bekenntnis gegen wissenschaftliche Erkenntnisse, gegen die Interessen einer nachhaltigen Lebensmittelproduktion in der EU und gegen die Interessen der europäischen Bevölkerung.

In einer Zeit, in der sich wissenschaftliche Erkenntnisse über nachhaltige Umweltbelastungen durch Pestizide sowie über den Zusammenhang zwischen Pestizidbelastung und Krebserkrankungen, Entwicklungsstörungen und anderen chronischen Krankheiten häufen, ist eine Aufweichung der Pestizidgesetzgebung sowohl unverantwortlich als auch inakzeptabel. Besonders besorgniserregend ist die unzureichende Berücksichtigung der Gesundheit von Kindern angesichts ihrer höheren Empfindlichkeit, durch Pestizide geschädigt zu werden.

„Jeder politische Entscheidungsträger, der sich dafür entscheidet, solche Maßnahmen zu unterstützen, muss den Eltern in ganz Europa erklären, warum den Forderungen der Pestizidindustrie Vorrang vor der Gesundheit und Sicherheit ihrer Kinder eingeräumt werden soll“, reagierte Salomé Roynel, Policy Officer bei PAN Europe.

PAN Europe Press Release, 22. June 2026

Link zum durchgesickerten Bericht: Contexte oder PDF-Dokument (externe links)




Wissenschaft schlägt Alarm wegen EU-Pestizid-Omnibus

Hamburg, 22. Juni 2026. Pressemitteilung. Eine neue wissenschaftliche Analyse, die in der Fachzeitschrift Science [1] veröffentlicht wurde, verschärft die Bedenken hinsichtlich des Omnibus-Vorschlags der Europäischen Kommission zur Lebensmittel- und Futtermittelsicherheit – nur wenige Tage vor der entscheidenden Abstimmung der Mitgliedstaaten am 26. Juni.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 27 europäischen Forschungseinrichtungen warnen in Science, dass der Omnibus-Vorschlag die Risiken für die menschliche Gesundheit und die Umwelt erhöhen, die Anreize für sicherere Alternativen zur Schädlingsbekämpfung verringern und das Vertrauen in regulatorische Entscheidungsprozesse untergraben würde.

Statt des Omnibus-Vorschlags nennen die Forschenden andere, zielführende und dringend notwendige Maßnahmen, darunter eine bessere Überwachung des Pestizideinsatzes, der Rückstände und der Auswirkungen, mehr Transparenz bei regulatorischen Studien, eine stärkere Einbindung unabhängiger Wissenschaft in die regulatorische Bewertung und den Zugang zu Pestizid-Anwendungsdaten.

Die Expertinnen und Experten betonen zudem, dass zusätzliche Ressourcen für die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) zur Verringerung des Rückstaus bei Zulassungsverfahren eine vergleichsweise geringe Investition erfordern würden. Diese sei eine bescheidene Investition im Vergleich zu den Hunderten Millionen Euro, die die Chemieindustrie für die Markteinführung eines einzelnen Wirkstoffs ausgäbe oder im Vergleich zu den Gesundheits- und Umweltkosten, die durch Stoffe entstünden, die unerkannte und inakzeptable Schäden verursachten.

Die in Science publizierte Analyse bekräftigt frühere wissenschaftliche Kritik, unter anderem von der Akademie der Wissenschaften Leopoldina, wonach der Omnibus-Vorschlag die Schutzmechanismen des EU-Pestizidrechts schwächen würde, ohne die versprochene Vereinfachung zu liefern.[2] Anstatt diese Bedenken aufzugreifen, wurden die Verhandlungen im Rat beschleunigt und haben sich in zentralen Punkten in die entgegengesetzte Richtung entwickelt.

Susan Haffmans, Referentin bei PAN Germany erklärt: „Die europäischen und deutschen Institutionen sollten ihre Energie darauf verwenden, in eine nachhaltige Landwirtschaft zu investieren und Gesundheit, Wasser und Umwelt zu schützen – nicht darauf, die Schutz-Regeln zu schwächen. Die Gremien, die über den Omnibus-Vorschlag entscheiden, stehen in der Verantwortung, kommende Generationen vor noch mehr krankmachender chemischer Belastung zu schützen. Von den Mitgliedsstaaten erwarten wir, den Vorschlag entsprechen zu verbessern.“

Letzter Entwurf des Rates

Am 12. Juni gelang es der zyprischen Ratspräsidentschaft nicht, die Unterstützung der Mitgliedstaaten für ihren Kompromisstext zu gewinnen. Der Entwurf sah vor, unbefristete Genehmigungen auf Pestizide mit geringem Risiko zu beschränken, aber gleichzeitig die Erneuerungszeiträume für konventionelle Wirkstoffe auf bis zu 25 Jahre auszuweiten. Die Definition von biologischen Pestiziden wurde derart aufgeweicht, dass bestimmte schädliche synthetische Pestizide – etwa Pyrethroide – als “Biopestizide” eingestuft werden könnten. Auch Schwermetalle und deren Salze, beispielsweise Kupferverbindungen, würden Erleichterungen erfahren.

Der zyprische Entwurf behielt zudem die umstrittenen Pläne der Kommission bei, Ausnahmeregelungen auszuweiten, Übergangsfristen zu verlängern und die Möglichkeiten der Mitgliedstaaten einzuschränken, sich bei Zulassungsentscheidungen auf die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zu stützen.

„Die Botschaft der Wissenschaft könnte nicht deutlicher sein: Der Omnibus-Vorschlag bewegt die EU in die falsche Richtung“, sagt Angeliki Lysimachou, Leiterin für Wissenschaft und Politik bei PAN Europe. „Die Mitgliedstaaten müssen auf die Wissenschaft hören und jede Aufweichung der hohen Schutzstandards ablehnen, die im EU-Pestizidrecht verankert sind, wenn sie am 26. Juni über den Omnibus-Vorschlag abstimmen.“

Das größere Bild

Die Debatte spiegelt ein umfassenderes Versagen der EU-Institutionen wider, auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse und rechtlichen Notwendigkeit zu reagieren, und die Gesundheit der Menschen und die Umwelt vor schädlichen Pestiziden in entsprechender Form zu schützen. Sechs Monate nach dem wegweisenden Urteil des Europäischen Gerichtshofs zu dem Pyrethroid Cypermethrin [3] hat die Kommission keinerlei Folgemaßnahmen ergriffen. Gleichzeitig wird weiterhin über die Zulassung mehrerer gefährlicher Wirkstoffe diskutiert, obwohl Belege dafür vorliegen, dass sie verboten werden sollten.

Während das seit Langem verzögerte Leitdokument zum Bienenschutz (Bee Guidance Document) weiterhin blockiert wird und Risikobewertungen für Bestäuber noch immer auf veralteten Methoden basieren, setzt sich der Rückgang der biologischen Vielfalt in Europa fort.

Auch die Sorgen über chemische Verschmutzung nehmen zu. In der vergangenen Woche wurde Trifluoressigsäure (TFA), ein Abbauprodukt von 28 in der EU genehmigten PFAS-Pestiziden, als reproduktionstoxisch eingestuft. Das sehr langlebige und mobile TFA wird inzwischen europaweit in Trinkwasser und landwirtschaftlichen Kulturen nachgewiesen. Dennoch hat die EU bislang keinen umfassenden Ausstieg aus PFAS-Pestiziden vorgeschlagen, die zu dieser Belastung beitragen. Kommt der Omnibus-Vorschlag ohne Verbesserungen durch, erlauben die Mitgliedstaaten für einige PFAS-Pestizide unbefristete Genehmigungen – und damit eine ewige Belastung, warnen die Umweltschützer.

[1] Link zum Science-Artikel: https://www.science.org/doi/10.1126/science.aeg8744

[2] Leopoldina Fokus Nr. 6/ Juni 2026: Geplante Änderung der Zulassung von Pflanzenschutzwirkstoffen: Vorschläge der EU-Kommission verringern das Schutzniveau für Mensch und Umwelt;
EU Omnibus: Leading scientists from many disciplines call for better -not weaker- protection against pesticides;
Scientific assessment slams food and feed safety omnibus proposal | PAN Europe ;
Periodic Reassessment or Permanent Approval? A Critical Analysis of the EU Commission’s Proposal to Reform Pesticide and Biocide Authorisation in Europe |ChemRxiv;
Planned amendment to the authorisation of plant protection substances: Proposals of the EU Commission reduce the level of protection for humans and the environment – Leopoldina;
The Lawfulness of the Planned Amendments through the „Food and Feed Safety Omnibus“;
Omnibus X : Lettre ouverte au Président de la République Française | Framaforms.org

[3] EU highest Court declares toxic insecticide cypermethrin illegally re-approved by the European Commission

Pressekontakt:

Susan Haffmans, PAN Germany, susan.haffmans@pan-germany.org, + 49 40 399 19 10-25




Keine Einigung im Rat zum Pestizid-Omnibus

Der Vorschlag zur Vereinfachung der Lebens- und Futtermittelsicherheit – kurz „Omnibus X“ – wurde nicht, wie von der zypriotischen Ratspräsidentschaft geplant, abgestimmt. Die Botschafter der EU-Mitgliedsländer waren offenbar nicht von der Qualität des Vorschlags überzeugt und konnten sich nicht auf einen gemeinsamen Standpunkt zum umstrittenen Omnibus-Paket einigen. Zu den Knackpunkten, so ist zu vernehmen, zählten Uneinigkeit über die Abschaffung der befristeten Wirkstoffgenehmigungen und hinsichtlich der Festlegung von Höchstgehalten für Pestizidrückstände der in die EU eingeführten Produkte.

PAN Germany, viele andere Nichtregierungsorganisationen und tausende Bürger*innen sind erst einmal erleichtert darüber, dass der Beratung des Vorschlags nun mehr Zeit gegeben wird. Auch die Wissenschaftsgemeinschaft dürfte erst einmal aufatmen, denn der Omnibus-Entwurf bedeutet in weiten Teilen eine Abkehr von einer auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhenden Politik und Regulierung.

Dass es jetzt noch keine Rats-Position gibt, verschafft Zeit. Inhaltlich ist mit der Vertagung allerdings noch nichts gewonnen. Der Dachverband der pestizidherstellenden Industrie CropLife Europe warnte nach der gescheiterten Abstimmung davor, dass der Omnibus-Entwurf in unnötige Komplexität getrieben würde und sich von seinem ursprünglichen Ziel der Vereinfachung entferne. PAN Germany verweist darauf, dass der bisherige Vorschlag mehr Deregulierung, weniger Schutz für Umwelt und Gesundheit (auch für die Gesundheit von Beschäftigten in der Landwirtschaft) und mehr Rechtsunsicherheit bedeuten würde und dass kostengünstigere Reformvorschläge auf dem Tisch lägen.

Zypern will versuchen, am 26. Juni auf der letzten Sitzung der Ständigen Vertreter der 27 Mitgliedstaaten unter zyprischem Vorsitz eine Einigung zu erzielen. Scheitert auch dieser Versuch, fällt die Aufgabe, einen tragfähigen Kompromiss zu finden, auf Irland, das für die kommenden sechs Monate die EU-Ratspräsidentschaft übernimmt.