Neues Tierarzneimittelrecht – EU verschärft Regelungen zum Antibiotika-Einsatz in der Tierhaltung

Mit einer eindeutigen Mehrheit haben die Abgeordneten des Europäischen Parlaments heute für den Entwurf einer neuen Verordnung zu Tierarzneimitteln abgestimmt. Ein wesentlicher Teil dieses neuen Tierarzneimittelrechts regelt den Umgang mit Antibiotika. Den langwierigen Verhandlungsprozess hatte PAN Germany kritisch begleitet und wiederholt Verbesserungen im Sinne des Umwelt- und Tierschutzes eingefordert.

Arzneimittel gehören zu den wichtigsten Errungenschaften unserer Zeit. Doch neben ihrem eigentlichen Zweck schädigen sie andere Organismen und tragen zur Entwicklung von Resistenzen bei, wenn sie in die Umwelt gelangen. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben allein in der Europäischen Union jährlich 25.000 Menschen, weil Antibiotika auf Grund von resistenten Keimen ihre Wirkung verlieren. Neben der Humanmedizin trägt die Tiermedizin und hier vor allem die unkritische Anwendung von Arzneimitteln in der intensiven Tierhaltung zur Entwicklung und Ausbreitung von antimikrobiellen Resistenzen (AMR) bei. Daher begrüßt PAN Germany, dass der zur Abstimmung vorgelegte Beschluss unter anderem vorsieht, dass Antibiotika, die bei Menschen als letztes verbleibendes Mittel zur Bekämpfung lebensbedrohlicher Infektionen zum Einsatz kommen (Reserveantibiotika), in der Tiermedizin nicht mehr oder nur unter besonders strengen Bedingungen verschrieben werden dürfen.

Vertreter des Europäischen Parlaments, der Europäischen Kommission und der Mitgliedstaaten hatten sich vor der Parlamentsabstimmung im sogenannten Trilog auf den vorliegenden Beschluss geeinigt. Von der noch ausstehenden Zustimmung des Rats ist daher auszugehen. Ob „was lange braucht auch wirklich gut wird“, hängt nun vor allem von der Umsetzung der neuen Vorschriften ab. In diesem Zusammenhang macht sich PAN Germany dafür stark, dass Tierarzneimittel grundsätzlich und ohne Ausnahmen nicht dafür eingesetzt werden dürfen, schlechte Haltungsbedingungen von Nutztieren zu kompensieren und die eigentlichen Ursachen für Tierleid und Krankheiten zu ignorieren. Darüber hinaus plädiert PAN Germany dafür, die Definition der „Reserveantibiotika“ zu konkretisieren und sich dafür an den Kriterien der WHO (WHO CIA list) zu orientiert.

Mehr dazu:

Martin Häusling, MdEP: Pressemitteilung, 25.10.2018

WHO: List of Critically Important Antimicrobials for Human Medicine

 

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PAN Stellungnahme: Aufruf für mehr Tierwohl in der Nutztierhaltung

Datum: 4. Oktober 2018 244.04 KB

Im erbitterten Kampf um immer niedrigere Preise hat sich die Tierproduktion in Deutschland und weltweit...

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Forderungen für einen besseren Schutz der Umwelt vor Tierarzneimittel-Belastungen

Datum: 12. September 2013 409.18 KB

Dass in der Landwirtschaft eingesetzte Düngemittel und Pestizide zu Umweltproblemen führen können,...




Aufruf für mehr Tierwohl in der Nutztierhaltung

Im erbitterten Kampf um immer niedrigere Preise hat sich die Tierproduktion in Deutschland und weltweit zu einer einzig auf Masse ausgelegten Industrie entwickelt. Das Wohlergehen der Tiere bleibt dabei weitestgehend auf der Strecke. Statt die Haltungsbedingungen den Bedürfnissen der Tiere anzupassen, passiert  – unter Einsatz von Medikamenten wie Antibiotika und Hormonpräparaten – genau das Gegenteil. PAN Germany sieht hier dringenden Handlungsbedarf im Sinne des Tierwohls, des Umweltschutzes und des Gesundheitsschutzes. Um diesen Wandel umzusetzen, bedarf es aus Sicht von PAN Germany verbindliche Vorgaben für die Nutztierhaltung, die garantieren, dass Tiere artgerecht und in einer Weise gehalten werden, die ihre Gesundheit fördert und den Bedarf an Arzneimitteln reduziert. In seiner Stellungnahme „Aufruf für mehr Tierwohl in der Nutztierhaltung“ formuliert PAN entsprechende Forderungen an die Politik und liefert umfassende Hintergrundinformationen.

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PAN Stellungnahme: Aufruf für mehr Tierwohl in der Nutztierhaltung

Datum: 4. Oktober 2018 244.04 KB

Im erbitterten Kampf um immer niedrigere Preise hat sich die Tierproduktion in Deutschland und weltweit...

 




Strategischer Ansatz zu Arzneimitteln in der Umwelt

Human- und Tierarzneimittel gelangen auf vielfältige Weise in unsere Umwelt und sind nicht nur ein Risiko für Ökosysteme, sondern auch für die Gesundheit von Menschen und Tieren. Deshalb ist es unhaltbar, dass aktive pharmazeutische Wirkstoffe (APIs) derzeit von der EU-Umweltregulierung ausgenommen sind. Angesichts der Befürchtungen über Abschwächungen des langerwarteten strategischen Ansatzes zu Arzneimitteln in der Umwelt (PiE) fordern europäische NGOs, Wasserversorger und Investitionsunternehmen mit einem offenen Brief an EU Präsident Juncker die EU Kommission auf, sicherzustellen, dass wichtige Maßnahmen zur Bewältigung dieser Probleme in den strategischen Ansatz aufgenommen werden.

In diesem Zusammenhang muss besonders der wachsenden Bedrohung durch antimikrobielle Resistenzen und den verheerenden Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit Rechnung getragen werden. Große Mengen an Antibiotika werden in der Tierhaltung und -zucht verwendet. Es ist unverantwortlich, dass in der intensiven Tierhaltung Arzneimittel zur Kompensation von Defiziten bei Unterbringung, Zucht und Management eingesetzt werden. Dieser Missstand trägt maßgeblich zur Umweltverschmutzung bei und erhöht das Risiko der Resistenzbildung. Weil gesunde Tiere keine Arznei brauchen, fordert PAN Germany, die Einführung von EU-weiten Maßnahmen zur Verbesserung des Tierwohls in der Tierhaltung, um die Tiergesundheit zu gewährleisten und den Bedarf an Medikamenten wirksam zu reduzieren.

Weitere Infos: Pressemitteilung von Changing Market Foundation

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Joint statement - Europe must align policies to tackle Pharmaceuticals in the Environment

Datum: 17. Mai 2018 169.72 KB

The signatories urge European policymakers to ensure that Europe’s response to the threat posed by...

 

Fotorechte: Kühe: adel_pixelio




Antibiotika-Resistenzen: EU-Umweltausschuss fordert Umwelt-Überwachungen

In seiner Abstimmung über Änderungen des Aktionsplans Antimikrobielle Resistenzen (AMR) vom 20.06.2018 fordert der Umweltausschuss des europäischen Parlaments eine obligatorische Umweltüberwachung von Antibiotika-Resistenzen auf Ebene der Mitgliedstaaten.

Seit 2017 gibt es einen gemeinsamen EU-Aktionsplan zur Bekämpfung von Resistenzen gegen antimikrobielle Wirkstoffe. Dieser Aktionspaln war ein wichtiger Schritt auf dem Weg gegen die globale Bedrohung durch AMR, ging aber in einigen Bereichen nicht weit genug. PAN Germany hatte zuletzt in einer Stellungnahme gemeinsam mit 5 anderen europäischen Organisationen kritisiert, dass der bisherige Aktionsplan u.a. die Umweltaspekte kaum berücksichtigt und daher nicht ausreicht, um die Umwelt und in der Konsequenz Menschen und Tiere vor AMR zu schützen. Grundsatz des „One Health“-Ansatzes ist das Verständnis darüber, dass die Gesundheit von Menschen, Tieren und der Umwelt miteinander verbunden sind. Krankheiten und resistente Keime können von Menschen auf Tiere dirket oder über die Umwelt übertragen werden und umgekehrt. Um die Entwicklung und Verbreitung von AMR in der Umwelt zu stoppen, fordert der Umweltausschuss nun eine Verzahnung des „One Health“-Prinzips und der Umweltüberwachung. Aus Sicht von PAN Germany bedarf es weiterer Anstrengungen insbesondere hinsichtlich gemeinschaftlicher verpflichtender Regelungen zu vorsorgenden Maßnahmen, um dem Problem der Umweltbelastung durch Antibiotika und der Entwicklung resistenter Keime zu begegnen.

 

 




Stellungnahme: Europa-Politik muss Umweltbelastungen durch Arzneimittel ein Ende setzen

Gemeinsam mit 5 europäischen NGOs fordert PAN Germany die politischen Entscheidungsträger in Europa auf, die Bedrohung durch Pharmazeutika in der Umwelt und zunehmende Antibiotikaresistenzen endlich ernst zu nehmen. Gegenwärtige und zukünftige europäische Maßnahmen müssen rechtzeitig beschlossen und in allen relevanten Politikbereichen umgesetzt werden, fordern die NGOs in ihrer gemeinsamen Stellungnahme.

Insbesondere vor dem Hintergrund der sich abzeichnenden Gesundheitskrise durch antimikrobielle Resistenzen (AMR) ist ein multisektoraler Ansatz notwendig, um die Gesundheit von Menschen, Tieren und Ökosystemen in Europa und weltweit zu schützen.

Der lang ersehnte strategische Ansatz der EU Kommission für Pharmazeutika in der Umwelt sieht eine Reihe von Maßnahmen vor, um die Verschmutzung und die Schäden durch Arzneimittel zu verringern. Dabei folgt der strategische Ansatz dem Follow-Up Aktionsplan der Kommission zur Bekämpfung der Antibiotikaresistenz aus dem Jahr 2017. Dieser kann aus Sicht der NGOs nicht ausreichend garantieren, die Umwelt effektiv zu schützen, und lässt klare Beweise für das Ausmaß der Arzneimittelverschmutzung aus.

Pharmazeutische Wirkstoffe, ob in der Human- oder Tiermedizin, sind derzeit vom EU-Umweltrecht ausgenommen, was angesichts der Gefahr, die die Umweltverschmutzung durch Arzneimittel für die Gesundheit von Mensch und Tier darstellt, unhaltbar ist. Die europäischen NGOs fordern daher die EU Kommission auf, eine Reihe wichtiger politischer Maßnahmen zu ergreifen, die die verheerenden Auswirkungen von Pharmazeutika in der Umwelt und die Bedrohung durch AMR reduzieren können. Zu den Forderungen zählen unter anderem eine bessere Datentransparenz hinsichtlich eingesetzter und in der Umwelt nachgewiesener Human- und Tierarzneimittel, eine wirksame Einschränkung der Anwendung von Antibiotika in der Tierhaltung und eine bessere Berücksichtigung des Umweltschutzes bei der Zulassung von Medikamenten. PAN Germany sieht einen besonderen Nachholbedarf im Bereich des vorbeugenden Tier-Gesundheitsschutzes und fordert darum, die Einleitung von EU-weiten Maßnahmen zur Verbesserung des Tierschutzes in der Tierhaltung als wichtige Vorsorgemaßnahmen zum Wohl der Tiere, und um die Tiergesundheit zu sichern und den Bedarf an Medikamenten zu reduzieren.

Alle Forderungen und weitere Informationen finden Sie in der Stellungnahme (englisch).

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Joint statement - Europe must align policies to tackle Pharmaceuticals in the Environment

Datum: 17. Mai 2018 169.72 KB

The signatories urge European policymakers to ensure that Europe’s response to the threat posed by...




Europäisches Tierarzneimittelrecht

Nachbesserungen zum Schutz von Umwelt und Gesundheit vor Antibiotika-Belastungen dringend notwendig

Presseinformation.

Hamburg, 28. Februar 2018. Derzeit wird das europäische Tierarzneimittelrecht überarbeitet. Ziel ist u.a. die Eindämmung der Risiken der Verbreitung von Antibiotikaresistenz. PAN Germany sieht erheblichen Nachbesserungsbedarf, um die Umwelt und die menschliche Gesundheit besser zu schützen.

Infektionskrankheiten können aufgrund resistenter Krankheitskeime immer häufiger nicht erfolgreich mit Antibiotika bekämpft werden. Dies ist zum weltweiten Problem geworden. Der Einsatz von Antibiotika in der intensiven Nutztierhaltung begünstigt die Resistenzentwicklung sowie die Ausbreitung resistenter Keime. Doch nicht nur die menschliche Gesundheit wird gefährdet: Auch die Umwelt ist zunehmend mit Antibiotika belastet und resistente Keime werden über die Umwelt verbreitet.

Dass Belastungen der Umwelt nicht nur ein Problem in Ländern sind, in denen Pharmazeutika unter unzureichenden Umwelt-Auflagen hergestellt werden, wurde vielen Menschen in Deutschland spätestens Anfang des Monats bewusst, als der NDR die Rechercheergebnisse (1) zweier Journalisten veröffentlichte, die multi-resistente Erreger in Bächen und Badeseen in Norddeutschland nachgewiesen hatten. Sie wiesen unter anderem Colistin-Resistenzen nach. Das Antibiotikum Colistin wird nach wie vor in Tierställen eingesetzt, obwohl die Weltgesundheitsorganisation den Wirkstoff im vergangenen Jahr in die Kategorie der Reserve-Antibiotika eingeordnet hat, die unbedingt für die Behandlung schwerer, mit anderen Antibiotika aufgrund von Resistenzen nicht mehr zu bekämpfenden Infektionskrankheiten bei Menschen benötigt werden.

„Wir appellieren an die Verantwortlichen von EU-Parlament, -Rat und -Kommission, die jetzt über das neue Tierarzneimittelgesetz beraten, Antibiotika mit höchster Priorität für den Menschen endlich aus der tierärztlichen Verwendung zu nehmen. Zudem müssen verbindliche Maßnahmen für eine bessere Überwachung des Umweltvorkommens von Arzneimitteln festgeschrieben werden und auch Alt-Arzneimittel einer umfassenden Umweltüberprüfung unterzogen werden“ fordert Susan Haffmans, Referentin für Tierarzneimittel von PAN Germany.

Aus Sicht von PAN Germany wird der Tatsache, dass Antibiotika-Resistenzen auch über die Umwelt verbreitet werden, nach wie vor zu wenig Beachtung geschenkt. Eine Reduzierung des Antibiotikaeinsatzes, wie sie nach Meinung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) Priorität hat, würde auch die Umwelt entlasten.

In dem Hintergrundpapier „Antibiotika in der Tierhaltung“ hat PAN Germany Informationen zum Thema zusammengestellt: http://www.pan-germany.org/download/tierarzneimittel/Antibiotika_in_der_Tierhaltung.pdf. Das Hintergrundpapier ist seit heute auch in Englisch verfügbar: http://www.pan-germany.org/download/veterinary_pharmaceuticals/Antibiotics_in_Livestock_Farming.pdf

(336 Wörter, 2926 Zeichen)

Kontakt:
Susan Haffmans, Tel: +49 40 399 19 10 0, E-Mail: susan.haffmans(at)pan-germany.org

Anmerkungen
(1) https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/Gefaehrliche-Keime-in-Baechen-Fluessen-und-Seen,keime302.html

 




Aquakultur und Umweltschutz

PAN Germany Pestizid-Brief 1 – 2018

Mit dem Potenzial zur Erholung der überfischten Wildfischbestände und gleichzeitig zur Ernährungssicherung künftiger Generationen beizutragen, hat der Wirtschaftssektor Aquakultur weltweit an Bedeutung gewonnen. Aber im Hinblick auf den Einsatz von chemischen Substanzen wie Antibiotika, Antiparasitika und Antifoulings in der Fischzucht stellt sich die Frage, wie nachhaltig die Produktion von Aquakulturerzeugnissen wirklich ist und welche Umweltrisiken wir dafür in Kauf nehmen. Das PAN Germany Hintergrundpapier „Aquakultur im Überblick – Umweltbelastungen durch Arzneimittel und Antifoulings, wirtschaftliche Bedeutung und Fragen der Ernährungssicherung“ (1) stellt die typischen Haltungssysteme und die gesetzlichen Rahmenbedingungen des Aquakultursektors in Deutschland und der EU vor. Einen besonderen Fokus legt das Hintergrundpapier dabei auf die Umweltrisiken durch den Einsatz von Arzneimitteln und Antifoulings sowie auf Möglichkeiten, diese Risiken zu reduzieren.

Aquakultur und Umweltbelastungen

Die intensive Nutzung natürlicher Ressourcen und der Eingriff in aquatische Ökosysteme bergen erhebliche Umweltrisiken. Insbesondere bei offenen Aquakulturanlagen, die in natürliche Gewässer eingebettet sind, können negative Auswirkungen auf die Umwelt nicht ausgeschlossen werden. (2) Durch das Bewirtschaften von Fischteichen, die Verankerung von Netzgehegen sowie durch Fütterung der Tiere und Reinigung der Anlagen kommt es zu Beeinträchtigungen der Umwelt, die bis hin zur Vernichtung natürlicher Lebensräume und zu einem erheblichen Biodiversitätsverlust führen können. Hinzu kommt die Gefahr der Kontamination aquatischer Ökosysteme durch den Einsatz von Chemikalien. Dazu zählen sowohl Tierarzneimittel wie Antibiotika und Antiparasitika als auch andere umweltschädliche chemische Substanzen wie Desinfektionsmittel und biozidhaltige Antifoulings. Trotz unterschiedlicher Verwendungszwecke haben diese eingesetzten Mittel gemein, dass sie Organismen abtöten und sich ihre Wirkung nicht nur auf Zielorganismen beschränken. (3) Je nach Wirkungsweise können bereits geringe Konzentrationen der Wirkstoffe verheerende Auswirkungen auf Nicht-Zielorganismen und ganze Ökosysteme haben, indem sie beispielsweise Fortpflanzungsversagen, Wachstumshemmung und Verhaltensänderungen hervorrufen. (4)

Aquakultur und Tierarzneimittel

In der Aquakultur liegen die Besatzdichten meist über der natürlichen Populationsdichte der Tiere, so dass es vermehrt zu Stress kommt. Erhöhte Stresslevel machen die Zuchttiere anfälliger für Krankheitserreger, die sich in hohen Besatzdichten wiederrum schneller verbreiten können. Im Sinne des Tierwohls müssen Erkrankungen in der Aquakulturzucht behandelt werden, allerdings beschränkt sich in der klassischen Aquakultur die Behandlung mit Tierarzneimitteln nicht auf erkrankte Tiere, sondern wird in der Regel für den gesamten Bestand durchgeführt, da eine Isolation erkrankter Tiere schwer oder nicht möglich ist. (5) Die Anwendung von Arzneimitteln in offenen Aquakultur-Systemen stellt somit eine besondere Gefahr für die Umwelt dar, weil die Präparate direkt in die aquatische Umwelt abgegeben werden. (6) Massenmedikation ganzer Bestände, falsche oder zu kurze Behandlungen, unzureichende Wirkstoffwechsel, schlechte Haltungsbedingungen, mangelhafte Betriebsführung, fehlende oder defizitäre Risikoprüfung können zudem die Entwicklung von Resistenzen begünstigen und auf diese Weise sowohl die Gesundheit der Zuchttiere als auch die der Wildtierpopulationen gefährden. (7)

Aquakultur und Umweltverträglichkeit

Dass Aquakultur auch umweltverträglicher praktiziert werden kann, zeigen die Zertifizierungsstandards der Bio-Siegel, die u.a. den Einsatz von Arzneimitteln beschränken und niedrige Besatzdichten vorschreiben, sowie innovative Aquakultursysteme wie die Integrierte Multitrophe Aquakultur (IMTA). Durch das Halten verschiedener Kulturarten in einer Anlage werden hier das eingesetzte Futter effizienter genutzt und umweltschädliche Nährstoffüberschüsse vermieden. (8)

Forderungen von PAN Germany

  • Für die Umsetzung einer nachhaltigen Aquakultur und den Schutz der Umwelt vor Belastungen durch Antibiotika, Antiparasitika und Antifoulings, fordert PAN Germany u.a.:
  • Die Umsetzung artgerechter Haltungsbedingungen und Festlegung geringer, artspezifischer Besatzdichten
  • Die Förderung von nicht-chemischen Alternativen zum Chemikalien-Einsatz in der Aquakultur
  • Eine detaillierte Dokumentation aller Anwendungen chemischer Substanzen und eine umfassende Umweltüberwachung
  • Die Förderung ökologischer Aquakultur-Systeme und innovativer Haltungssysteme wie IMTA und Aquaponik
  • Die Einführung von Umweltqualitätsnormen und Grenzwerten für Arzneimittel in Gewässern und eine bessere Verankerung des Umweltschutzes in der Tierarzneimittelgesetzgebung.

Weitere Informationen rund um das Thema Aquakultur, zu den politischen Zielen, zu wirtschaftlichen Kennzahlen und zu Zertifizierungen finden Sie in dem PAN-Hintergrundpapier Aquakultur.

(Tamara Gripp, PAN Germany)

Anmerkungen
(1) PAN Germany (2018): Aquakultur im Überblick – Umweltbelastungen durch Arzneimittel und Antifoulings, wirtschaftliche Bedeutung und Fragen der Ernährungssicherung. http://www.pan-germany.org/download/tierarzneimittel/pan_hintergrundpapier_aquakultur_im_ueberblick_2018.pdf
(2) BLE (2017): Perspektiven für die deutsche Aquakultur im internationalen Wettbewerb. Abschlussbericht. https://tinyurl.com/y7bkxrac
(3) PAN Germany (2003): Vorstudie im Kontext Chemikalieneinsatz in der Aquakultur. http://www.pan-germany.org/download/aquakultur_l.pdf
(4) Beek et al. (2015): Pharmaceuticals in the Environment-Global Occurrences and Perspectives. Environmental Toxicology and Chemistry, 2016, Vol. 35, pp. 823-835. http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/etc.3339/epdf
(5) Svenson, P. (2007): Closed Waters: The Welfare of Farmed Atlantic Salmon, Rainbow Trout, Atlantic Cod & Atlantic Halibut. Compassion in World Farming and World Society for the Protection




Aquakultur im Überblick

Umweltbelastungen durch Arzneimittel und Antifoulings, wirtschaftliche Bedeutung und Fragen der Ernährungssicherung

Mit dem Potenzial zur Erholung von Wildfischbeständen und gleichzeitig zur Ernährungssicherung künftiger Generationen beizutragen, hat die Aquakultur zunehmend an Bedeutung gewonnen. Vor dem Hintergrund der Frage, wie nachhaltig die Produktion von Aquakulturerzeugnissen ist und welche Umweltrisiken wir dafür in Kauf nehmen, sind in dem vorliegenden Hintergrundpapier Informationen zum Thema Aquakultur zusammengestellt. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf möglichen Umweltbelastungen – gerade in Bezug auf Arzneimittel – und wie diese reduziert oder vermieden werden können.

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Aquakultur im Überblick 3.44 MB 47 downloads

Umweltbelastungen durch Arzneimittel und Antifoulings, wirtschaftliche Bedeutung...




Antibiotika in der Tierhaltung

Wie lassen sich Umweltbelastungen reduzieren und Resistenzen vermeiden?

Recherchen des NDR haben aufgedeckt, wie stark unsere Umwelt bereits mit Antibiotika-Rückständen aus Krankenhäusern, Privathaushalten und aus der Tierhaltung belastet ist. Die Nachweise der resistenten Keime in norddeutschen Gewässern sind beunruhigend.
Nur, wenn alle Beteiligten – Gesetzgeber, die pharmazeutische Industrie, Ärzte, Patienten, Tierhalter und Konsumenten – ihren Beitrag leisten, lässt sich das Problem dauerhaft lösen.
Der Einsatz von Antibiotika in der intensiven Nutztierhaltung begünstigt die Resistenzentwicklung und Ausbreitung von Bakterienstämmen mit Resistenzen. Wie lassen sich Umweltbelastungen durch Arzneimittel aus der Tierhaltung reduzieren und Resistenzen vermeiden? Das Hintergrundpapier von PAN Germany geht dieser Frage nach.

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Antibiotika in der Tierhaltung 2.17 MB 18 downloads

Wie lassen sich Umweltbelastungen reduzieren und Resistenzen vermeiden? Der Einsatz...

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Antibiotics in Livestock Farming 1.09 MB 15 downloads

What can be done to reduce environmental threats and avoid the development of antibiotic...




Weniger Arzneimittel – gesunde Tiere – entlastete Umwelt

Beispiele aus Forschung & Praxis: So lassen sich Antibiotika & Co in der Nutztierhaltung verantwortungsvoll reduzieren.

Vor dem Hintergrund zunehmender Umweltbelastung durch Arzneimittel und sich ausbreitender Arzneimittel- Resistenzen stellt die vorliegende Broschüre Beispiele vor, wie der Arzneimitteleinsatz in der Nutztierhaltung reduziert werden kann.

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Fotorechte: M. Großmann / pixelio.de