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EU-Pläne für eine nachhaltige Lebensmittelpolitik unter Beschuss

PAN Germany Pestizid-Brief 3 – 2021

Die „Farm to Fork“-Strategie zeigt Wirkung und die „Business-as-usual“-Betreiber sind darüber nicht glücklich. Hier äußern Camille Perrin (BEUC), Nick Jacobs (IPES-Food) und Nina Holland (CEO) ihre Besorgnis über Studien und Veranstaltungen, die von Unternehmen unterstützt bzw. organisiert werden, die kein Interesse an einer Pestizid- oder Düngemittelreduktion haben und die gezielt Ängste und Widerstände gegen den eingeschlagenen EU-Weg schüren.

Die „Farm to Fork“-Strategie stand von Anfang an unter heftigem Beschuss. Die Strategie für nachhaltige Lebensmittel und Landwirtschaft, die unter anderem das Ziel hat, sowohl die Menge und das Risiko von chemischen Pestiziden um 50% zu senken als auch den ökologischen Landbau zu fördern, war noch nicht einmal veröffentlicht, als die COVID-19-Pandemie von einigen bereits als Vorwand genutzt wurde, um den Entwurf in Frage zu stellen. Eine fehlerhafte Studie des US-Landwirtschaftsministeriums (USDA) vom November 2020 schürte gezielt Ängste, in dem sie behauptete, die Welt könnte hungern, wenn die EU-Strategien zu „Farm to Fork“ und zur „Biodiversität“ umgesetzt würden. Expert*innen des französischen Nationalen Instituts für Agronomieforschung (INRA) kritisierten die Studie: Sie würde u.a. auf Einzelaspekte fokussieren und den integrativen Ansatz der beiden EU-Strategien ignorieren.

Kurz vor der Verabschiedung der Strategie wurden die Angriffe noch verstärkt. Im Sommer veröffentlichte der interne wissenschaftliche Dienst der Europäischen Kommission (JRC) eine Studie, die Szenarien zur Umsetzung der Strategien modelliert und zu dem Schluss kommt, dass die geplante Verringerung des Einsatzes chemischer Pestizide und Düngemittel erreichbar sei, machte aber auch auf einige Herausforderungen aufmerksam. Die in der Studie geäußerten Unsicherheiten wurden von den „Farm to Fork“-Kritikern genutzt, um ihre Angriffe zu verstärken. Ermutigt wurden sie dabei durch die Veröffentlichung einer „Studie zur Folgenabschätzung“ im August. Die von der Verbändeallianz Grain Club sowie weiterer Verbände, darunter der Industrieverband Agrar und der Deutsche Bauernverband, beauftragte Studie macht dramatische Vorhersagen über zu erwartende Auswirkungen der EU-Pläne, darunter dramatische Produktionsrückgänge bei der Fleischproduktion und deutliche Produktionseinbußen bei Getreide und Ölsaaten.

Von Unternehmen organisierte Veranstaltungen wie der „wissenschaftliche Dialog“ vom 12. Oktober, der von CropLife Europe gesponsert wurde, dienen dazu, übertriebene Ängste zu schüren. Das Programm wurde von Anti-Farm-to-Fork-Lobbyisten, einschließlich des USDA, dominiert. Unerwähnt blieb, dass ein Hauptteilnehmer – die Universität Wageningen – von CropLife dafür bezahlt wird, eine weitere „Impact-Studie“ zu erstellen.

Was haben die bisher veröffentlichten Studien gemeinsam? Sie beruhen auf Modellen, die schlecht geeignet sind, um die Auswirkungen der Umgestaltung unserer Lebensmittelsysteme zu bewerten, um die es bei der „Farm to Fork“-Strategie geht. Die Modelle ignorieren die vielen Veränderungen, die parallel zu einer umweltfreundlicheren Lebensmittelproduktion stattfinden müssen – von einem rigorosen Vorgehen gegen Lebensmittelverschwendung bis hin zu einer veränderten Verbrauchernachfrage, von neuen Beschaffungspraktiken bis hin zur Verringerung des ökologischen Fußabdrucks von Lebens- und Futtermitteln, die wir nach Europa importieren. Diese Veränderungen haben bereits begonnen und sind Teil der „Farm to Fork“-Strategie.
Die benannten Studien unkritisch als Grundlage für die Ablehnung der „Farm to Fork“-Strategie heranzuziehen, ist daher höchst irreführend.

Zu den Autor*innen:

  • Camille Perrin: Leitende Fachreferentin für Lebensmittelpolitik bei der Europäischen Konsumenten Vereinigung BEUC
  • Nick Jacobs: Direktor des International Panel of Experts on Sustainable Food Systems (IPES-Food)
  • Nina Holland: Wissenschaftlerin und Campaignerin bei Corporate Europe Observatory (CEO)

Bei dem vorliegenden Artikel handelt sich um die Übertragung aus dem Englischen des Artikels „The EU finally has the makings of a sustainable food policy – why is it under attack?“, der am 7.10.21 von ARC 2021 veröffentlicht wurde und hier im Original zur Verfügung steht.

PAN Germany Update:
Aktueller Stand zur Abstimmung der Farm to Fark-Strategie im EU-Parlament

Im Vorfeld der Abstimmung im EU-Parlament zur Resolution der Farm to Fork (F2F)-Strategie wurde ein Brief von der Europäischen Bürgerinitiative (EBI) „Bienen und  Bauern retten!“, gezeichnet von 225 europäischen zivilgesellschaftlichen Organisationen,  den EU-Abgeordneten zugesendet, um die Forderungen der EBI und das große Interesse der EU-Bürger*innen für einen schrittweisen Ausstieg aus der Verwendung chemisch-synthetischer Pestizide  nochmals Ausdruck zu verleihen.

Es  galt auch dem massiven Druck von Seiten der Pestizidindustrie und ihrer Unterstützer entgegenzutreten, die versuchen die von der EU-Kommission vorgeschlagene F2F-Strategie aufzuweichen und quantitative Reduktionsziele herauszustreichen.

Am 19. Oktober 2021 kam es zur Abstimmung über die Resolution zur F2F-Strategie und das Abstimmungsergebnis ist weitestgehend positiv zu bewerten. Die Abgeordneten haben in weiten Teilen einer Aufweichung der Strategie nicht zugestimmt. Manches war aber sehr knapp. Bei der wichtigen Abstimmung über die Streichung der Forderung nach verbindlichen Reduktionszielen für chemisch-synthetische Pestizide stimmten 355 Abgeordnete gegen 307. Damit steigt die Hoffnung auf eine wirkliche Pestizidreduktion und Transformation der Landwirtschaft in Europa.